{"id":10082,"date":"2023-08-14T10:39:27","date_gmt":"2023-08-14T08:39:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=10082"},"modified":"2023-08-14T10:40:25","modified_gmt":"2023-08-14T08:40:25","slug":"internationales-jaegerstaetter-gedenken-in-st-radegund-am-8-und-9-august","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=10082","title":{"rendered":"Internationales J\u00e4gerst\u00e4tter-Gedenken in St. Radegund am 8. und 9. August"},"content":{"rendered":"<div class=\"modTeaser\">\n<div class=\"swslang\">\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Franz_J_gerst_tter-J_gerstetter.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-10084 alignright\" src=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Franz_J_gerst_tter-J_gerstetter-300x201.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"201\" srcset=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Franz_J_gerst_tter-J_gerstetter-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Franz_J_gerst_tter-J_gerstetter.jpg 560w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Anl\u00e4sslich des 80. Todestages des Seligen Franz J\u00e4gerst\u00e4tter fand am 8. und 9. August 2023 in St. Radegund das j\u00e4hrliche internationale Gedenken statt.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"modBody\">\n<div class=\"swslang\">\n<p>Andreas Schmoller und Verena Lorber vom Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Institut der KU Linz gaben Einblicke in die digitale Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Edition: Nach mehrj\u00e4hriger Forschung sind nun 370 Schriften aus dem Familiennachlass und weitere Sammlungen auf einer Website frei zug\u00e4nglich. Weiters sprach der Asylexperte Herbert Langthaler \u00fcber das Thema \u201eVerfolgungsgrund Kriegsdienstverweigerung\u201c. Bischof Manfred Scheuer betonte in seiner Predigt beim Gedenkgottesdienst das Gebot der Feindesliebe, das J\u00e4gerst\u00e4tter vorgelebt habe: \u201eIn seinem Zeugnis leuchtet Hoffnung auf, die auch die T\u00e4ter und Verf\u00fchrten miteinschlie\u00dft\u201c.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Der Innviertler Landwirt und Familienvater Franz J\u00e4gerst\u00e4tter hatte sich aus Glaubensgr\u00fcnden geweigert, mit der Waffe f\u00fcr das NS-Regime in den Krieg zu ziehen. Daraufhin wurde er vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen \u201eWehrkraftzersetzung\u201c zum Tod verurteilt und vor 80 Jahren, am 9. August 1943, in Brandenburg an der Havel durch Enthauptung hingerichtet.<\/p>\n<p>Das j\u00e4hrliche J\u00e4gerst\u00e4tter-Gedenken wird von der christlichen Friedensinitiative Pax Christi und der Pfarre St. Radegund organisiert. Es begann am Abend des 8. August mit einem Abendgebet in der Kirche von St. Radegund. Zum eigentlichen Gedenktag am 9. August kamen rund 150 Personen. Mit Teilnehmer:innen aus \u00d6sterreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Frankreich und den USA war die internationale Bedeutung J\u00e4gerst\u00e4tters in diesem Jahr besonders sp\u00fcrbar. Unter den Teilnehmenden waren u. a. die drei J\u00e4gerst\u00e4tter T\u00f6chter und weitere Mitglieder der Familie, Bischof Manfred Scheuer, J\u00e4gerst\u00e4tter-Biografin Erna Putz, Alt-Landeshauptmann Josef P\u00fchringer, die Direktion des \u00d6sterreichischen Pastoralinstituts Gabriele Eder-Cakl, der B\u00fcrgermeister von St. Radegund Simon Sigl, und Andreas Schmoller und Verena Lorber vom Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Institut der KU Linz.<\/p>\n<p>Am Vormittag stellten im Pfarrheim Tarsdorf Andreas Schmoller und Verena Lorber vom Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Institut Linz die neue digitale J\u00e4gerst\u00e4tter-Edition vor. Diese wurde von der Katholischen Privat-Universit\u00e4t (KU) Linz und dem dort angesiedelten Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Institut (FFJI) herausgegeben und beinhaltet den bisher umfassendsten Bestand an Schriften und Korrespondenzen des seliggesprochenen Kriegsdienstverweigerers und M\u00e4rtyrers. Die Schriften sind \u00fcber die eigens eingerichtete Webseite\u00a0<a href=\"https:\/\/edition.jaegerstaetter.at\/\">https:\/\/edition.jaegerstaetter.at<\/a>\u00a0frei zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Die Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Edition zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen ungew\u00f6hnlichen Quellenbestand aus Familienbesitz einer breiten \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich macht. &#8222;Die Edition wurde mit dem Ziel konzipiert, sowohl f\u00fcr die akademische als auch f\u00fcr p\u00e4dagogische und individuelle Nutzung neue Akzente zu setzen&#8220;, betont Institutsleiter Schmoller. Mit der Edition werden alle Schriften von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter in vollem Umfang und chronologisch abgebildet. &#8222;Au\u00dferdem werden erstmals Korrespondenzen und Schriftwechsel eingebunden, die zwischen den J\u00e4gerst\u00e4tters und anderen Personen bestanden&#8220;, erkl\u00e4rt Lorber. Es handelt sich dabei um 183 Briefe und Karten.<\/p>\n<p>Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter ist es zu verdanken, dass die historisch bedeutenden Quellen heute zur Verf\u00fcgung stehen und digital aufbereitet werden konnten. Seit 2018 befinden sich diese durch eine Schenkung im Besitz der Di\u00f6zese Linz und werden durch das Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Institut inventarisiert, katalogisiert und wissenschaftlich erforscht.<\/p>\n<p>Dieser Quellenbestand bildet den Hauptteil der Edition, konnte aber um weitere Briefe und Lebensdokumente aus anderen Sammlungen erweitert werden. &#8222;Die Edition umfasst insgesamt 370 schriftliche Quelle, die in Buchseiten gerechnet rund 1.000 Seiten entsprechen&#8220;, fasst Lorber zusammen. In der digitalen Umgebung befinden sich Bilder der Originalschriften in individueller Handschrift neben mehreren Textfassungen, aus denen je nach Interesse ausgew\u00e4hlt werden kann. Eine Fotosammlung mit \u00fcber 50 Fotografien bieten zudem einen visuellen Einstieg in die Lebensgeschichte der Familie J\u00e4gerst\u00e4tter.<\/p>\n<p>Im Anschluss referierte der Asylexperte und Chefredakteur von aysl aktuell Herbert Langthaler zum Thema \u201eVerfolgungsgrund Kriegsdienstverweigerung&#8220;. Langthaler stellte in seinem Vortrag die aktuellen Bez\u00fcge der Wehr- bzw. Kriegsdienstverweigerung im Kriegsfall her. Er thematisierte dabei die rechtlichen Aspekte, angefangen von der Bedeutung der Genfer Menschenrechtskonvention als wichtigstes internationales Dokument f\u00fcr den Schutz von Fl\u00fcchtlingen bis hin zur Situation in \u00d6sterreich. Mithilfe anschaulicher Fallbeispiele von Menschen aus L\u00e4ndern wie Russland, Afghanistan, Syrien, Belarus oder der Ukraine analysierte er die unterschiedlichen Praktiken der \u00f6sterreichischen Asylpolitik und wagte trotz zahlreicher erkennbarer Ungerechtigkeiten einen optimistischen Ausblick auf die Zukunft.<\/p>\n<p>Im Rahmen der diesj\u00e4hrigen Gedenkfeierlichkeiten von 8. bis 9. August 2023 in St. Radegund wurde auch die neu in Deutsch und Englisch erschienene Brosch\u00fcre \u201eFranz J\u00e4gerst\u00e4tter. Leben und Erinnerung\u201c vorgestellt. Die Brosch\u00fcre zum 80. Todestag bietet einen \u00dcberblick zum Leben von Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter und enth\u00e4lt neues Bildmaterial. In eigenen kurzen Kapiteln werden die Kontroversen und W\u00fcrdigungsformen in Gesellschaft, Kirche und Kunst sowie am Ged\u00e4chtnisort St. Radegund thematisiert. Personen aus \u00d6ffentlichkeit, Kirche und Kultur haben mit Statements die Bedeutung J\u00e4gerst\u00e4tters hervorgehoben. Ein p\u00e4dagogischer Ausblick auf die Chancen zuk\u00fcnftiger Besch\u00e4ftigung mit der Biografie rundet die Publikation ab.<\/p>\n<p>Am Nachmittag f\u00fchrte eine gemeinsame Fu\u00dfwallfahrt von Tarsdorf nach St. Radegund, wo um 16 Uhr eine Andacht zur Todesstunde von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter gefeiert wurde. Den abschlie\u00dfenden Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche St. Radegund um 19.30 Uhr feierte Bischof Manfred Scheuer mit den Teilnehmenden. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst vom Kirchenchor der Pfarre St. Radegund.<\/p>\n<p>Bischof Manfred Scheuer betonte in seiner Predigt die innere Freiheit, die sich Franz J\u00e4gerst\u00e4tter in der Diktatur und im Gef\u00e4ngnis bewahrt habe. Die \u00e4u\u00dfere Gefangenschaft sei f\u00fcr J\u00e4gerst\u00e4tter ein Ort der inneren Freiheit und des Friedens gewesen. Scheuer erinnerte in diesem Zusammenhang an eine Szene aus dem Film \u201eEin verborgenes Leben\u201c von Terrence Malick: Der Pflichtverteidiger legt Franz J\u00e4gerst\u00e4tter eine Erkl\u00e4rung vor, mit der dieser sein Nein zum ungerechten Krieg widerrufen soll: \u201eUnterschreiben Sie, und Sie sind frei!\u201c \u2013 \u201eIch bin ja frei\u201c, so die verbl\u00fcffende Antwort J\u00e4gerst\u00e4tters. Scheuer w\u00f6rtlich: \u201eDer \u00e4u\u00dfere Verblendungszusammenhang f\u00fchrte zu keiner Abstumpfung des Gewissens, die Meinung der Massen nicht zur Anpassung seiner Urteilskraft, die Nazi-Ideologie nicht zur Menschenverachtung und Gottlosigkeit, die \u00e4u\u00dfere Unfreiheit nicht zur Knechtung des Willens, das Gehabe der Macht der Starken nicht zum Willen zur Macht.\u201c J\u00e4gerst\u00e4tter habe nach seiner Verurteilung zum Tod an seine Frau Franziska geschrieben: \u201eWenn ich sie [diese Worte] auch mit gefesselten H\u00e4nden schreibe, aber immer noch besser, als wenn der Wille gefesselt w\u00e4re. Nicht Kerker, nicht Fesseln auch nicht der Tod sind es imstande, einen von der Liebe Gottes zu trennen, ihm seinen Glauben und den freien Willen zu rauben. Gottes Macht ist unbesiegbar.\u201c<\/p>\n<p>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter habe \u201enicht zu gro\u00df von der Macht der Nazis gedacht und nicht zu klein von den M\u00f6glichkeiten Gottes mit ihm\u201c, so der Bischof: \u201eEr hat die Wahrheit gelebt in einer Welt der L\u00fcge, die Liebe in einer Welt der Verachtung, er hat das Leben geliebt in einer Welt des Totenkopfes. Und er hat geglaubt in einer Welt der Blindheit und der Verblendung. Er hat mit seiner Entscheidung, mit seinem Zeugnis das Taufbekenntnis, die Absage an das B\u00f6se und das Glaubensbekenntnis verleiblicht.\u201c Franz J\u00e4gerst\u00e4tter habe nicht \u201ealle M\u00f6glichkeiten\u201c gehabt, er sei nicht einer der \u201eM\u00e4chtigen\u201c gewesen, die die Welt wieder ins Lot richten konnten. \u201eDen Krieg konnte er nicht beenden, die Nationalsozialisten nicht stoppen. Angesichts der \u00dcbermacht der Bosheit ist er aber auch nicht in die Ohnmacht oder in die Resignation gefl\u00fcchtet. Er hat buchstabiert, was er vom Evangelium verstanden hat. Er hat umgesetzt, was Nachfolge Jesu in seiner geschichtlichen Stunde war. Er hat nicht gewartet, bis es bessere Umst\u00e4nde f\u00fcr den Glauben und das Bekenntnis gibt\u201c, unterstrich Scheuer.<\/p>\n<p>Franz J\u00e4gerst\u00e4tters Entscheidung sei \u201enicht einfach vom Himmel gefallen\u201c, sondern gewachsen und gereift. \u201eFranz J\u00e4gerst\u00e4tter war ein betender Mensch und er hat getan, was er als Recht und Gerechtigkeit erkannt hat. Darin l\u00e4sst er den Himmel aufleuchten\u201c, so der Bischof. Scheuer zitierte aus dem Abschiedsbrief von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter vom 9.8. 1943, in dem es hei\u00dft: \u201eIch verzeihe allen von Herzen. M\u00f6ge Gott mein Leben hinnehmen als S\u00fchn-Opfer nicht blo\u00df f\u00fcr meine S\u00fcnden, sondern auch f\u00fcr andere.\u201c Franz J\u00e4gerst\u00e4tter habe das Gebot der Feindesliebe gelebt; er wollte Gewalt nicht mit Gewalt beantworten. Bischof Scheuer: \u201eWeil Franz J\u00e4gerst\u00e4tter sein Leben und auch sein Sterben so verstanden hat, kann sein Ged\u00e4chtnis heute zum offenen Raum f\u00fcr Erz\u00e4hlen, Bekenntnis, Reue und Umkehr, Vergebung und Hoffnung werden. In seinem Zeugnis leuchtet Hoffnung auf, die auch die T\u00e4ter und Verf\u00fchrten miteinschlie\u00dft. So verleiblicht er die Seligpreisung der Sanftm\u00fctigen, derer, die keine Gewalt anwenden.\u201c<\/p>\n<p>Den Schlusspunkt bildetet eine Lichterprozession zur Grabst\u00e4tte von Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 80. Todestages des Seligen Franz J\u00e4gerst\u00e4tter fand am 8. und 9. August 2023 in St. Radegund das j\u00e4hrliche internationale Gedenken statt. 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