{"id":10868,"date":"2026-05-22T12:46:14","date_gmt":"2026-05-22T10:46:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=10868"},"modified":"2026-05-22T12:46:14","modified_gmt":"2026-05-22T10:46:14","slug":"christlicher-nationalismus-ist-ein-widerspruch-interview-von-wolfgang-palaver","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=10868","title":{"rendered":"&#8222;Christlicher Nationalismus ist ein Widerspruch&#8220;: Interview von Wolfgang Palaver"},"content":{"rendered":"<div class=\"visual-text\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Palaver-Tafel.jpg_1667439679.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-10869 alignright\" src=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Palaver-Tafel.jpg_1667439679.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"216\" \/><\/a>Politiker drohen martialisch mit Kreuzzugsrhetorik oder stilisieren sich zu Erl\u00f6sern: Wo sich Politik und Religion vermischen, drohen Fundamentalismus, Opferkult und die Instrumentalisierung des Glaubens. Prof. Dr. Wolfgang Palaver erkl\u00e4rt im Interview mit der KirchenZeitung f\u00fcr das Bistum Aachen, warum nicht Religion das eigentliche Problem ist, sondern Absolutismus.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"ap-paragraph ap-no-clear\">\n<p><strong>Kirchenzeitung: Warum beobachten wir derzeit weltweit eine st\u00e4rkere Vermischung von Religion und Politik?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang Palaver:\u00a0<\/strong>F\u00fcr mich ist die Vermischung von Religion und Politik Symptom einer Krise, die schon am 11. September 2001 begonnen hat. Diese Anschl\u00e4ge, die Finanzkrise und die Pandemie sind drei Gr\u00fcnde, warum die Welt in einen Krisenmodus geraten ist. Im Hintergrund steht noch die Globalisierung als Ursache, weil ohne Globalisierung weder Pandemie noch Finanzkrise stattgefunden h\u00e4tten. In Krisenzeiten ist die Verbindung von Religion und Politik st\u00e4rker, weil es eine Tendenz gibt \u2013 und ich glaube, die ist zivilisations-geschichtlich sehr alt \u2014 zum Tribalismus zur\u00fcckzukehren. Die \u00e4ltesten Formen von Religionen waren Stammesreligionen.<\/p>\n<p>Die Menschen neigen in Krisenzeiten eher zu geschlossenen Gruppen als Form der Angstbew\u00e4ltigung, sie tendieren zu einer Wagenburgmentalit\u00e4t. Sie haben dann ganz klare Identifikationen nach dem Schwarz-Wei\u00df-Muster. Das geht schneller, ist unmittelbarer einsehbar und im ersten Moment \u00fcberzeugender. Auf Dauer ist Tribalismus zerst\u00f6rerisch.<\/p>\n<div class=\"ap-paragraph ap-no-clear\">\n<div>\n<p><strong>Religion hat sich also nicht erst heute politisiert, sondern es war schon immer so?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palaver:<\/strong>\u00a0Wenn man politisiert im modernen Sinn versteht, dann nicht. Aber gehen wir weiter zur\u00fcck, dann ist Religion und das Gesellschaftliche sowieso verschmolzen. Das ist eine These des Religionssoziologen \u00c9mile Durkheim. Erst mit der achsenzeitlichen Revolution vor fast 3000 Jahren, w\u00e4hrend der die Weltreligionen langsam entstanden, entdeckten die Menschen Transzendenz und distanzierten sich von dem, was irdisch vorherrschend war. Das war evolutionsgeschichtlich etwas Neues. Vorher war der Stamm heilig, der K\u00f6nig, der Anf\u00fchrer. Selbst beim Christentum hat es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gedauert, bis sich die katholische Kirche vom Integralismus distanzierte und die Trennung von Kirche und Staat akzeptierte. Heute gibt es in Krisenzeiten eben wieder Tendenzen, st\u00e4rker zur\u00fcckzufallen.<\/p>\n<p><strong>Was macht christlichen Nationalismus f\u00fcr viele so attraktiv?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palaver:\u00a0<\/strong>Es ist das Mitl\u00e4ufertum, ein tribalistisches Bed\u00fcrfnis. F\u00fcr Menschen, die von der Pluralit\u00e4t der Gesellschaft verunsichert sind, erzeugt christlicher Nationalismus Identit\u00e4t. Bei Religion geht es schlie\u00dflich um Fragen von Leben und Tod, um zentrale Dinge, bei denen der Mensch die Sehnsucht nach Gewissheit hat. Aber christlicher Nationalismus ist eigentlich ein Widerspruch in sich, weil die christliche Religion einen Universalit\u00e4tsanspruch stellt. Sage ich, es gibt einen Gott aller Menschen, dann steht der Nationalismus im Spannungsverh\u00e4ltnis zu dieser Aussage. Henri Bergson hat dazu die Frage gestellt, wie es m\u00f6glich sei, dass sich Deutsche und Franzosen im Ersten Weltkrieg abgeschlachtet haben und auf den selben Gott beriefen. Das war f\u00fcr ihn nur m\u00f6glich, weil die Menschen nicht an einen universellen Gott, sondern an eine nationale Stammesgottheit glaubten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"ap-paragraph \">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"col-md-4 float-md-right ap\">\n<div class=\"ap-image image-info \">\n<div class=\"animated-box rs_skip \">\n<div class=\"subtitle basic\"><strong style=\"font-size: 1rem;\">Dann wird das Christentum als etwas interpretiert, das nur f\u00fcr die eigene Gruppe gilt?<\/strong><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"col-md-8 content\">\n<div class=\"text\">\n<p><strong>Palaver<\/strong>: Beim Nationalismus denken die Menschen in heidnischen Kategorien, obwohl der Nationalismus ein modernes Ph\u00e4nomen ist. Bergson unterschied zwischen der statischen Stammesreligion, dem religi\u00f6sen Pendant der geschlossenen Gesellschaft und in Folge davon des Nationalismus, und der dynamischen Religion, dem religi\u00f6sen Pendant der offenen Gesellschaft. Die dynamische Religion, die er schon bei den j\u00fcdischen Propheten und in der Bergpredigt Christi entdeckte, kann die statische nicht pl\u00f6tzlich abl\u00f6sen. Das ist eine langsame Entwicklung, in der wir uns immer noch befinden. Wir haben durch Kriegserfahrung im Zweiten Weltkrieg zwar Schritte gemacht in Richtung einer offenen Gesellschaft. Die offene Gesellschaft wiederum hat zu neuen Problemen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Welche Probleme meinen Sie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palaver:<\/strong>\u00a0Beispielsweise die Anschl\u00e4ge vom 11. September. Das war kein lokaler Krieg zwischen arabischen Stammesf\u00fcrsten in der W\u00fcste, sondern die radikale Ausnutzung der Transport- und Kommunikationsm\u00f6glichkeiten der offenen Gesellschaft. Die Anschl\u00e4ge haben den Menschen Angst gemacht und so Sicherheitsempfinden und Mobilit\u00e4t extrem ver\u00e4ndert. Sp\u00e4ter ersch\u00fctterten Finanzkrise und Pandemie die offene Gesellschaft. In der Wahrnehmung der Menschen bedeuteten beide Ereignisse, dass die Unsicherheit viel gr\u00f6\u00dfer geworden ist.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"ap-paragraph ap-no-clear\">\n<div>\n<p><strong>Wie ver\u00e4ndert die religi\u00f6se Aufladung politischer Debatten die demokratische Kultur?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palaver:<\/strong>\u00a0Das kommt auf den Blickwinkel an. Der franz\u00f6sische Soziologe Alexis de Tocqueville untersuchte im 19. Jahrhundert die Demokratie in den USA \u2013 und kam mit der These zur\u00fcck, dass Demokratie mehr Religion braucht als das Ancien R\u00e9gime. Eigentlich ist das kontraintuitiv, weil das Ancien R\u00e9gime als absolute Monarchie nat\u00fcrlich viel religi\u00f6se Legitimation gebraucht hat. Jetzt aber kommt Tocqueville und sagt: In einer Demokratie, in der Strukturen weniger klar sind, braucht es mehr religi\u00f6se Legitimation. Ganz in dem Sinne: Wie gehe ich mit Gleichheit um? Wie mit Rivalit\u00e4ten? Wenn also \u201ereligi\u00f6se Aufladung\u201c hei\u00dft, dass Menschen bewusst mehr religi\u00f6se Haltung brauchen, um \u00fcberhaupt Demokratie im positiven Sinne lebendig zu halten, dann braucht es das. Hei\u00dft es aber, dass zunehmend mehr Menschen religi\u00f6s-tribalistisch denken, dann ist das eine Katastrophe f\u00fcr die Demokratie. Es f\u00fchrt dazu, dass Menschen Wahrheitsanspr\u00fcche mit einer solchen religi\u00f6sen Vehemenz vertreten, dass niemand mehr \u00fcber sie diskutieren kann.<\/p>\n<p><strong>Sind strikte Religiosit\u00e4t und Demokratie \u00fcberhaupt kompatibel?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palaver:<\/strong>\u00a0Nicht die Religion, sondern der absolute Wahrheitsanspruch ist Gift f\u00fcr die Demokratie. So kann man gegen und dann auch mit dem Rechtswissenschaftler Hans Kelsen argumentieren. F\u00fcr ihn war die katholische Kirche mit ihrem starren Hierarchiedenken und dem Glauben, dass nur sie die Wahrheit besitzt, mit der Demokratie nicht kompatibel. Kelsen hielt f\u00fcr die Demokratie einen Menschentyp f\u00fcr notwendig, der andere nicht als Feind, sondern sogar als Freund sieht. Einen Menschentyp, der Stolz und Egoismus zur\u00fccknimmt. Die Demokratie ist das gemeinsame Ringen um Wahrheit. Und diese Idee von Demokratie setzt eine positive religi\u00f6se Haltung voraus: Ich spreche anderen die M\u00f6glichkeit zu, etwas zu sehen, das ich nicht sehe.<\/p>\n<p>In diesem Kontext warnte Leo XIII. im 19. Jahrhundert vor dem Amerikanismus, weil sich durch ihn die Kirche in den USA der dortigen politischen Kultur angepasst hatte. Die USA sind eine Demokratie, die aus der Religion hervorgegangen ist. In Kontinentaleuropa ist die Demokratie \u2013 am Beispiel der franz\u00f6sischen Revolution \u2013 gegen die Religion erk\u00e4mpft worden. Das zweite Vatikanische Konzil war stark von Theologen aus den USA beeinflusst, die gesagt haben: Religionsfreiheit und Demokratie tun dem Christentum gut. Das Paradoxe ist, dass heute gerade in den USA die positiven Aspekte von religi\u00f6s hervorgebrachter Demokratie in Frage gestellt werden. Stattdessen spielen Neointegralismus und Fundamentalismus wieder eine gr\u00f6\u00dfere Rolle.<\/p>\n<p><strong>Gilt Ihre Warnung vor der Instrumentalisierung von Religion unabh\u00e4ngig von der politischen Richtung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palaver:<\/strong>\u00a0Von rechter Seite h\u00f6ren wir heute den Vorwurf, dass Linke den Opferstatus zu einer Waffe machen. Und das ist nicht ganz falsch. Das Christentum hat die Sorge um die Opfer moralisch erh\u00f6ht. Das wird der linken Seite unter dem Stichwort \u201eWokismus\u201c zum Vorwurf gemacht. Aber diese Instrumentalisierung des Opferstatus ist nicht nur links, sondern auch rechts zu beobachten. Die AfD zum Beispiel reklamiert, nur Opfer zu sein und \u00fcberall verfolgt zu werden. Donald Trump ist aktuell das lauteste Opfer. Er schreit seine M\u00e4rtyrer- und Opferrolle in die Welt hinaus, um Dinge zu legitimieren. Ein extremes Beispiel f\u00fcr rechten Opferkult kommt von George Orwell, der Hitlers \u201eMein Kampf\u201c rezensiert hat: Orwell kommt zu dem Schluss, dass die Deutschen sich so stark mit Hitler identifizierten, weil sie sich wie er ungerecht behandelt gef\u00fchlt haben. Der Nationalsozialismus war deutlich von diesem Opferdenken gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>In der Braunkohleregion um Aachen gab es in der Vergangenheit Kritik, weil linke Klimaaktivisten Kirche instrumentalisiert haben, etwa unter dem Stichwort Bewahrung der Sch\u00f6pfung. Wie ordnen Sie das ein?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palaver:<\/strong>\u00a0Im Prinzip geht es um zivilen Ungehorsam. Der ist eine Methode, um aufzuzeigen, dass ein gewisses Gesetz ungerecht ist. Wer zivilen Ungehorsam begeht, muss aber bereit sein, die Strafe auf sich zu nehmen, um das Vorgehen moralisch zu legitimieren. Es gibt genug Beispiele f\u00fcr Anliegen, f\u00fcr die ziviler Ungehorsam unbedingt n\u00f6tig war. Denken wir an Martin Luther King, der gegen die amerikanischen Rassengesetze versto\u00dfen hat und daf\u00fcr ins Gef\u00e4ngnis gegangen ist. Mit seinem Protest hat er die Bev\u00f6lkerung wachger\u00fcttelt. Auch Klimaaktivisten haben gute Gr\u00fcnde f\u00fcr ihren Protest. Aber ich halte manche Methoden f\u00fcr unklug, die der sogenannten Klimakleber zum Beispiel. Um Gesetze zu \u00e4ndern, braucht es Druck aus der Bev\u00f6lkerung auf die Politiker. Wenn die Klimakleber aber die Leute im Stau stehen lassen, erzeugen sie Zorn. Und die Politiker identifizieren sich mit den zornigen Leuten.<\/p>\n<p><strong>Sehen Sie die Gefahr, dass Anliegen linker Politik religi\u00f6s \u00fcberh\u00f6ht werden? Beispielsweise bei Sabotageakten zum Schutz der Sch\u00f6pfung, bei denen bewusst Menschen gef\u00e4hrdet werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palaver:\u00a0<\/strong>Dass Menschen leiden \u2013 als Kollateralsch\u00e4den \u2013 ist immer abzulehnen. Politische Aktivisten m\u00fcssen sich grunds\u00e4tzlich vor Absolutismus h\u00fcten. Nimmt jemand aus tiefer \u00dcberzeugung Risiken f\u00fcr sich selbst auf, ist das ein prophetischer Impuls, der nicht abzulehnen ist. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass man andere Menschen f\u00fcr die eigene Ideologie opfern darf.<\/p>\n<p><strong>Wie kann die Kirche verhindern, von Politik vereinnahmt zu werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Palaver:\u00a0<\/strong>Ich bin ein Skeptiker der Instrumentalisierungsthese, die die Religion als reines \u201eUnschuldsschaf\u201c darstellt, das von b\u00f6sen Politikern missbraucht wird. Instrumentalisierung ist keine Einbahnstra\u00dfe. Sie funktioniert nur, wenn es auf religi\u00f6ser Seite Resonanz gibt. Die Kirchen sollten sich konsequent an der Botschaft Jesu Christi \u2013 der Feindesliebe und der Sorge um die Geringsten \u2013 orientieren. Es darf nie nur um eigene Privilegien gehen, denn wo die Kirche Privilegien vom Staat bekommt, kann das die Glaubw\u00fcrdigkeit ihrer Botschaft gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/kirchenzeitung-aachen.de\/a-blog\/Christlicher-Nationalismus-ist-ein-Widerspruch\/?fbclid=IwdGRjcAR8XH5jbGNrBHxbEmV4dG4DYWVtAjExAHNydGMGYXBwX2lkDDM1MDY4NTUzMTcyOAABHinDs2uPhhgBxPL-FcOouDFKX4LGXnlrKDOzX07IkxnNDuM5qdRkK_gWYVmf_aem_dcovoLA7CZbocpETmkHgNg\">Quelle: KirchenZeitung f\u00fcr das Bistum Aachen<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politiker drohen martialisch mit Kreuzzugsrhetorik oder stilisieren sich zu Erl\u00f6sern: Wo sich Politik und Religion vermischen, drohen Fundamentalismus, Opferkult und die Instrumentalisierung des Glaubens. 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