{"id":10905,"date":"2026-08-31T10:07:35","date_gmt":"2026-08-31T08:07:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=10905"},"modified":"2026-08-31T10:07:35","modified_gmt":"2026-08-31T08:07:35","slug":"jaegerstaettergedenken-heuer-im-zeichen-von-kriegstraumatisierungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=10905","title":{"rendered":"J\u00e4gerst\u00e4ttergedenken heuer im Zeichen von Kriegstraumatisierungen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2026_08_09_St_Radegund_Monika_Auer_3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-10906 alignright\" src=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2026_08_09_St_Radegund_Monika_Auer_3.jpg\" alt=\"\" width=\"328\" height=\"186\" srcset=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2026_08_09_St_Radegund_Monika_Auer_3.jpg 1000w, https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2026_08_09_St_Radegund_Monika_Auer_3-300x170.jpg 300w, https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2026_08_09_St_Radegund_Monika_Auer_3-768x435.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 328px) 100vw, 328px\" \/><\/a>Am 8. und 9. August fand in St. Radegund und Tarsdorf wieder das traditionelle internationale J\u00e4gerst\u00e4tter-Gedenken statt. Im Zentrum des Programms standen Vortr\u00e4ge der Psychologin Pia Andreatta sowie des Bibelwissenschafters P. Dominik Markl. Den feierlichen Abschluss bildeten am Sonntag ein Gottesdienst mit P. Markl, gefolgt von einer Lichterprozession zur Grabst\u00e4tte des seligen Franz J\u00e4gerst\u00e4tter (1907-1943). Die Veranstaltung war heuer inhaltlich dem Thema Kriegstraumatisierung und der intergenerationellen Weitergabe von Traumata gewidmet.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie Trauma- und Konfliktforscherin Andreatta von der Universit\u00e4t Innsbruck berichtete aus ihren Eins\u00e4tzen bei akuten Krisenf\u00e4llen f\u00fcr &#8222;\u00c4rzte ohne Grenzen&#8220; in den unterschiedlichsten Krisenherden der Welt. Bei Kriegstraumata handle es sich fast immer um Extremtraumatisierung, sagte Andreatta. Diese bilde sich erst im Nachhinein von Kriegs- und Gewalterfahrungen voll aus, vor allem wenn keine ausreichenden Rahmenbedingungen f\u00fcr Prozesse der Trauer und Traumabew\u00e4ltigung vorhanden seien. Daf\u00fcr k\u00f6nne es individuelle, famili\u00e4re, aber auch soziale und gesellschaftliche Gr\u00fcnde geben.<\/p>\n<p>Verdr\u00e4ngte Traumata, unabgeschlossene Trauer und Verlust\u00e4ngste w\u00fcrden an die n\u00e4chste Generation weitergegeben. Die \u00dcbertragung, so Andreatta, geschehe ungewollt \u00fcber mehrere Prozesse, etwa aufgrund von Scham- und Schuldgef\u00fchlen gegen\u00fcber den eigenen Kindern, oder aufgrund des verlorenen Einf\u00fchlungsverm\u00f6gens.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bew\u00e4ltigung erlittener Traumatisierung betonte die Referentin die Bedeutung des Sozialen, das h\u00e4ufig als sekund\u00e4r gegen\u00fcber individuellen Therapieangeboten erachtet werde. Die Forschung zeige jedoch, dass der Umgang der Gruppe, der Gesellschaft etwa durch Formen der Anerkennung, der W\u00fcrdigung, des Gedenkens, bei der Verarbeitung von Traumata bedeutsamer sei, als die Traumatisierung selbst. Schweigen und Verdr\u00e4ngen w\u00fcrden hingegen zur Vertiefung und generations\u00fcbergreifenden Weitergabe von Traumata beitragen.<\/p>\n<p><strong>Gewalt in der Bibel<\/strong><\/p>\n<p>Der Jesuit Markl, Professor f\u00fcr Bibelwissenschaft des Alten Testaments an der Universit\u00e4t Innsbruck, zeigte anhand der Geschichte des Vorderen Orients, dass extreme Erfahrungen von Gewalt die Entstehung der biblischen Schriften und ihrer Theologie pr\u00e4gten: Die gro\u00dfe Geschichtserz\u00e4hlung des Alten Testaments von der Genesis bis zum 2. Buch der K\u00f6nige endet mit der Zerst\u00f6rung Jerusalems 587 v. Chr.<\/p>\n<p>Die B\u00fccher Jeremia, Ezechiel, Klagelieder etc. seien wesentlich von der Bearbeitung der babylonischen Gewalt gepr\u00e4gt, und das Trauma der Zerst\u00f6rung des Tempels h\u00e4tte wesentlich Einfluss auf die Entwicklung des Monotheismus gehabt. Viele Texte bearbeiteten Gewalterfahrungen, manche beinhalteten problematische Gewaltfantasien, wie den g\u00f6ttlichen Befehl, die kanaan\u00e4ischen V\u00f6lker zu vernichten. Aber trotz der Gewalterfahrung, so Markl, entwickelten die biblischen Schriftsteller eine universale Sch\u00f6pfungstheologie, die die Gleichheit aller Menschen vor Gott herausstellt und zu einem Ethos der Empathie und Rettung Leidender motivieren.<\/p>\n<p>Der Referent brachte diesen bibeltheologischen Befund in Bezug zur Geschichte von Leokadia Justman (1922-2002), einer polnischen Holocaust-\u00dcberlebenden. Sie entkam dem Warschauer Ghetto, der Deportation nach Treblinka, dem Kleinen Ghetto von Piotrk\u00f3w, dem Innsbrucker Polizeigef\u00e4ngnis und vielen weiteren Bedrohungen ihres Lebens. Ihre Mutter Sophie wurde in Treblinka ermordet, ihr Vater Jakub im Innsbrucker KZ Reichenau. In ihren beeindruckenden Erinnerungen, die sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf Polnisch und sp\u00e4ter auf Englisch niederschrieb, findet sich das biblisch orientierte Friedensethos wieder: Vor Gott sind alle Menschen gleich, daher muss die Menschheit nach Frieden streben.<\/p>\n<p><strong>100 Teilnehmende bei Gedenken<\/strong><\/p>\n<p>Das internationale Gedenken, das 1983 von der J\u00e4gerst\u00e4tter-Biografin Erna Putz initiiert wurde, wird seit 2008 von Pax Christi in Kooperation mit der Pfarre St. Radegund organisiert. Ursula Tei\u00df-Mederer und Georg Haigermoser von Pax Christi konnten zu der Veranstaltung rund 100 G\u00e4ste aus \u00d6sterreich, Italien und Deutschland begr\u00fc\u00dfen; darunter Josef Esterbauer, B\u00fcrgermeister von St. Radegund, Wolfgang Palaver, Pr\u00e4sident von Pax Christi, Max Mittendorfer, Vorsitzender des J\u00e4gerst\u00e4tter-Beirates der Di\u00f6zese Linz und Andreas Schmoller, Leiter des J\u00e4gerst\u00e4tter-Instituts an der Katholischen Privat-Universit\u00e4t Linz. Zu den j\u00fcngeren Teilnehmenden z\u00e4hlte eine Pilgergruppe, die sich entlang einer achtt\u00e4gigen Pilgerroute vom Attersee nach St. Radegund mit J\u00e4gerst\u00e4tter und Themen der Friedensethik besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>Den Abschluss fand das j\u00e4hrliche J\u00e4gerst\u00e4tter-Gedenken mit einem Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Radegund und einer Lichterprozession zum Grab von Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter, an dem auch zwei J\u00e4gerst\u00e4tter-T\u00f6chter und zahlreiche weitere Mitglieder der Familie teilnahmen.<\/p>\n<p><strong>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter<\/strong><\/p>\n<p>Der Innviertler Landwirt und Familienvater Franz J\u00e4gerst\u00e4tter (20. Mai 1907 &#8211; 9. August 1943) hatte sich aus Glaubensgr\u00fcnden geweigert, mit der Waffe f\u00fcr das Nazi-Regime in den Krieg zu ziehen. Daraufhin wurde er vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen &#8222;Wehrkraftzersetzung&#8220; zum Tod verurteilt und vor 80 Jahren, am 9. August 1943, in Brandenburg an der Havel durch Enthauptung hingerichtet.<\/p>\n<p>Am 7. Mai 1997, 54 Jahre nach J\u00e4gerst\u00e4tters Hinrichtung, wurde vom Landgericht Berlin das Todesurteil gegen ihn aufgehoben. Die Aufhebung kommt einem Freispruch gleich und bedeutet moralische und juristische Rechtfertigung seiner Handlung.<\/p>\n<p>Nach Unterst\u00fctzung durch die \u00d6sterreichische Bischofskonferenz, eine historisch-theologische Kommission und das Linzer Domkapitel wurde 1997 offiziell der Seligsprechungsprozess f\u00fcr Franz J\u00e4gerst\u00e4tter er\u00f6ffnet, am 21. Juni 2001 auf di\u00f6zesaner Ebene abgeschlossen und die Akten der Selig- und Heiligsprechungskongregation \u00fcbergeben. Postulator des Seligsprechungsverfahrens war Manfred Scheuer, damals noch Bischof von Innsbruck. Der Vatikan best\u00e4tigte am 1. Juni 2007 offiziell das Martyrium von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter. Die Seligsprechung erfolgte am 26. Oktober 2007 unter Bischof Ludwig Schwarz im Linzer Mariendom. Der liturgische Gedenktag des Seligen Franz J\u00e4gerst\u00e4tter ist sein Tauftag, der 21. Mai.<\/p>\n<p><strong>Bericht aus: <a href=\"https:\/\/www.kathpress.at\/goto\/meldung\/2602807\/jaegerstaetter-gedenken-heuer-im-zeichen-von-kriegstraumatisierungen\">https:\/\/www.kathpress.at\/goto\/meldung\/2602807\/jaegerstaetter-gedenken-heuer-im-zeichen-von-kriegstraumatisierungen<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Videos:<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jMOkqlZPZ6M\">Predigt von P. Dominik Markl<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SqFYGGRDxCg\">Vortrag Pia Andreatta<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZcctfyStacA\">Vortrag Dominik Markl<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. und 9. August fand in St. Radegund und Tarsdorf wieder das traditionelle internationale J\u00e4gerst\u00e4tter-Gedenken statt. 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