{"id":3735,"date":"2012-12-12T17:17:41","date_gmt":"2012-12-12T17:17:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.paxchristi.at\/?p=3735"},"modified":"2013-09-01T18:42:12","modified_gmt":"2013-09-01T16:42:12","slug":"menschen-mit-zivilcourage-gene-sharp-84-j-us-amerikanischer-politikwissenschaftler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=3735","title":{"rendered":"Menschen mit Zivilcourage: Gene Sharp, 84 J., US-amerikanischer Politikwissenschaftler"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-indent:0cm;line-height:150%\">\n\t<b><span lang=\"DE\">Sicherheitshalber: Gene Sharp und sein Konzept einer Sicherheit ohne Milit&auml;r<\/span><\/b>\n<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-indent:0cm;line-height:150%\">\n\t<span lang=\"DE\">Von Klaus Heidegger<\/span>\n<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-indent:0cm;line-height:150%\">\n\t<span lang=\"DE\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Es war an einem nass-grauen Fr&uuml;hlingsabend im Jahr 1990 in der nass-grauen nordenglischen Industriestadt Bradford. Mit ein paar Teilnehmern der Konferenz &uuml;ber Soziale Verteidigung war ich am Ende des Tages auf einem Pub-Crawl rund um das Studentenviertel. Mit dabei war eine Person, die ich bis zu jenem Augenblick noch nicht gekannt hatte. Alle, die da mit mir unterwegs waren, wussten sehr wohl aber, wer dies war. Gene Sharp. Kein Unbekannter in der wissenschaftlichen Szene der Gewaltfreiheit. DER amerikanische Experte &uuml;ber nicht-milit&auml;rische Konzepte.<\/span>\n<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-indent:0cm;line-height:150%\">\n\t<span lang=\"DE\">Mit diesen Ideen verband ich bislang das asketische Auftreten eines Mahatma Gandhi, das religi&ouml;s-motivierte Denken eines Martin Luther King oder die k&uuml;hl-intellektuellen Darstellungen von Theodor Ebert &ndash; drei Klassifizierungen, die zun&auml;chst so gar nicht zu Gene Sharp passen. Er liebte es, im Pub nicht nur ein Bier zu trinken. Sicher kein Asket. Er war US-amerikanisch selbstsicher und jovial. Mit einem Professor aus Harvard wie mit einem Kumpel zusammen sein, war f&uuml;r mich ungewohnt. Vor allem aber reagierte er fast unwirsch, wenn jemand, wie ich, religi&ouml;s-ethische Motivationen f&uuml;r eine gewaltfreie Friedens- und Sicherheitspolitik ins Spiel brachte. Seit dieser Begegnung wollte ich mehr &uuml;ber Gene Sharp wissen. Bereitwillig vermittelte er mir einen Zugang, um 1993\/94 in Boston bei der Civilian-Based Defense Association als Volunteer t&auml;tig zu sein und in diesem Zusammenhang an einem Forschungsseminar am Institut for International Affairs der Harvard University mitzumachen. Die Forschungsfrage lautete: Welche Voraussetzungen m&uuml;ssen gegeben sein, dass mit Sicherheit davon ausgegangen werden kann, dass eine nicht-milit&auml;rische Strategie funktioniert?<\/span>\n<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-indent:35.4pt;line-height:150%\">\n\t<span lang=\"DE\">20 Jahre sp&auml;ter sind die Konzeptionen, die Gene Sharp erarbeitet und auf eine fundiert wissenschaftliche Basis gestellt hat, nicht weniger g&uuml;ltig. Im Gegenteil: Die Volkserhebungen in den arabischen L&auml;ndern in den Wintermonaten 2010\/2011 zeigen, dass ein gewaltfreier Aufstand gegen Diktaturen gelingen kann. Aber auch das Gegenteil bewahrheitet sich laufend auf erschreckende Weise: Milit&auml;risch hochger&uuml;stete Staaten k&ouml;nnen keine Sicherheit schaffen. Im Gegenteil. Gerade erweist sich die Milit&auml;rfestung Israel als jenes Land mit der geringsten Sicherheit. Je mehr die USA oder Russland in ihrem Kampf gegen den Terror auf milit&auml;rische Ma&szlig;nahmen setzen, desto mehr steigt die Unsicherheit. Darum also bietet Gene Sharp und der von ihm gegr&uuml;ndete Thinktank der Albert-Einstein Institution eine realpolitische und pragmatische Alternative an.<\/span>\n<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-indent:35.4pt;line-height:150%\">\n\t<span lang=\"DE\">Bewusst nannte Gene Sharp seine Grundidee &bdquo;Civilian-based Defense&ldquo;, ein Begriff, der sich letztlich nicht so leicht ins Deutsche &uuml;bertragen l&auml;sst. Civilian meint zun&auml;chst &bdquo;nicht-milit&auml;risch&ldquo;, geht also in Richtung &bdquo;zivil&ldquo;. &bdquo;Civil&ldquo; k&ouml;nnte mit &bdquo;b&uuml;rgerlich&ldquo; &uuml;bersetzt werden, meist in der Konnotation &bdquo;unabh&auml;ngig vom Staat&ldquo;. Letzteres meint Sharp aber bewusst nicht. Wenn er von &bdquo;Civilian-based&ldquo; spricht, dann will er eine staatliche VERTEIDIGUNGSPOLITIK in die Pflicht nehmen. Hier liegt der gro&szlig;e Unterschied zur Konzeption einer Sozialen Verteidigung, wie sie unter der &Auml;gide von Theodor Ebert in Europa beginnend mit den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelt worden ist. Eberts B&uuml;cher waren die wichtigste Grundlage f&uuml;r Tausende Wehrdienstverweigerer, als es noch eine Zivildienstkommission gab. W&auml;hrend Soziale Verteidigung jedoch als Volksstrategie gedacht wurde, die vielfach im bewussten Gegensatz zu einer staatlichen Verteidigung gesehen wurde, lautete der Grundsatz von Gene Sharp: Staaten k&ouml;nnten sich mit einer vom Staat organisierten nicht-milit&auml;rischen (civilian) Verteidigung, die auf den Strategien und Methoden der gewaltfreien Aktion aufbaut, von der milit&auml;rischen Politik befreien und so ihren Bev&ouml;lkerungen ein Mehr an Sicherheit anbieten. Damit ergibt sich ein dreifacher Mehrwert:<span>&nbsp; <\/span>Civilian-based defense w&auml;re nicht nur finanziell wesentlich g&uuml;nstiger, sondern zugleich auch sicherheitspolitisch effizienter und mit Erfolgsgarantie gekoppelt. Drittens schlie&szlig;lich w&uuml;rde es zu einer starken Vernetzung zwischen Bev&ouml;lkerung und staatlicher Politik kommen, die zu einer wechselseitigen Befruchtung f&uuml;hren w&uuml;rde.<\/span>\n<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-indent:35.4pt;line-height:150%\">\n\t<span lang=\"DE\">In Boston hatte ich gen&uuml;gend Gelegenheit, ein langes B&uuml;cherregal mit den Werken von Gene Sharp und seinen &bdquo;Sch&uuml;lern&ldquo; zu f&uuml;llen und zu studieren. Ich begann mit dem dreib&auml;ndigen Opus &bdquo;The Politics of Nonviolent Action&ldquo;. Sharp weist an Hand gro&szlig;er Beispiele in der Geschichte nach, dass jede politisch-milit&auml;rische Macht (POWER) in sich zusammenbrechen muss, wenn sie nicht den R&uuml;ckhalt in einer Bev&ouml;lkerung hat.<span>&nbsp; <\/span>Darauf baut der gewaltfreie Kampf (NONVIOLENT STRUGGLE) auf, wobei die englische Sprache hier scharf zwischen &bdquo;fight&ldquo; als milit&auml;rische Variante und &bdquo;struggle&ldquo; als nicht-milit&auml;risches Pendant unterscheidet. Minuti&ouml;s listet Sharp im dritten und umfangreichsten Band seiner Trilogie &uuml;ber die Politik der gewaltfreien Aktion 198 Methoden der gewaltfreien Aktion (METHODS OF NONVIOLENT ACTION) auf und bringt jeweils historische Beispiele dazu. Diese Methoden und Techniken freilich verlangen &ndash; genauso wie milit&auml;rische Ma&szlig;nahmen &ndash; Trainings und Vorbereitungen, die auch von staatlichen Stellen gezielt durchgef&uuml;hrt werden sollten. Noch zur Zeit des Kalten Krieges hatte Gene Sharp bereits die Utopie, dass sich Europa-West mit einer Civilian-based Defense ganz von den milit&auml;rischen Anstrengungen und Blockbildungen abkoppeln k&ouml;nnte und zugleich keine Angst vor einer sowjetischen Macht&uuml;bernahme haben m&uuml;sste. (&bdquo;Making Europe Unconquerable&ldquo;) . In seinem dicken W&auml;lzer &bdquo;Gandhi as a Political Strategist&ldquo;<span>&nbsp; <\/span>analysiert Sharp vor allem, wie Gandhi als Stratege den reichen Fundus gewaltfreier Methoden bediente, um Indien von der englischen Kolonialmacht zu befreien und einen unabh&auml;ngigen Staat aufzubauen. F&uuml;r Gene Sharp sind es &bdquo;Blaupausen&ldquo; &ndash; oder heute w&uuml;rden wir wohl von &bdquo;Copy and Paste&ldquo; sprechen &ndash; die f&uuml;r jeden Staat dieser Welt zutreffen w&uuml;rden. Auch f&uuml;r &Ouml;sterreich. Damit w&auml;ren wir in diesem Land die leidige Frage nach dem besseren milit&auml;rischen System los. Jedenfalls hat Gene Sharp den vor kurzem verliehenen &bdquo;Right Livelihood Award&ldquo; zu Recht verdient.<\/span>\n<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-indent:35.4pt;line-height:150%\">\n\t<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" height=\"400\" src=\"http:\/\/www.csmonitor.com\/var\/ezflow_site\/storage\/images\/media\/images\/1229-gene-sharp\/7162492-1-eng-US\/1229-Gene-Sharp_full_600.jpg\" style=\"padding-right: 8px;padding-top: 8px;padding-bottom: 8px\" width=\"600\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sicherheitshalber: Gene Sharp und sein Konzept einer Sicherheit ohne Milit&auml;r Von Klaus Heidegger &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Es war an einem nass-grauen Fr&uuml;hlingsabend im Jahr 1990 in der nass-grauen nordenglischen Industriestadt Bradford. Mit ein paar Teilnehmern der Konferenz &uuml;ber Soziale Verteidigung war ich am Ende des Tages auf einem Pub-Crawl rund um das Studentenviertel. Mit dabei war eine &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=3735\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eMenschen mit Zivilcourage: Gene Sharp, 84 J., US-amerikanischer Politikwissenschaftler\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27,42],"tags":[768,769],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3735"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3735"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3735\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5328,"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3735\/revisions\/5328"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3735"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3735"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.paxchristi.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3735"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}