{"id":5995,"date":"2014-09-16T14:29:43","date_gmt":"2014-09-16T12:29:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.paxchristi.at\/?p=5995"},"modified":"2014-09-16T14:29:43","modified_gmt":"2014-09-16T12:29:43","slug":"pax-christi-unterwegs-sarajevo-reisenotizen-von-adalbert-krims","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=5995","title":{"rendered":"Pax Christi unterwegs &#8211; SARAJEVO Reisenotizen von Adalbert Krims"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">32 interessierte&nbsp; Frauen und M&auml;nner waren mit Dr. Richard Hussl , politischer Referent in Pax Christi &Ouml;sterreich, nach und in Sarajevo unterwegs. Einblick und Begegnungen mit VertreterInnnern der Kulturen und Religionen standen am Programm. SympatisantInnen und MitarbeiterInnen von Pax Chrsit &Ouml;sterreich , Interessierte am muslimisch-christlichen-j&uuml;dischen Dialog, an zeitgeschichtlichen Ereignissen, Entwicklungen und an friedenspoltischer Arbeit waren dabei.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n\t<strong><span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">9.9.2014<\/span><\/span><\/strong><br \/>\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">Am Vormittag hatten wir ein Gespr&auml;ch mit der Direktorin des Instituts f&uuml;r islamische Tradition der Bosniaken. Das moderne Geb&auml;ude mit Bibliothek, Cafeteria, Veranstaltungsr&auml;umen und kleinem Museum ist ein Geschenk des Staates Katar (ohne Bedingungen). Die Direktorin gibt einen ausf&uuml;hrlichen &Uuml;berblick &uuml;ber die bosnische Geschichte, wobei sie betont, dass sich die Muslime heute &uuml;berwiegend nicht mit der osmanischen Geschichte, sondern mit der Zeit der &ouml;sterreichisch-ungarischen Verwaltung identifizieren. Es gebe sogar eine wahre &quot;Nostalgie&quot; an diese &quot;gute Zeit&quot;! In bezug auf den Bosnienkrieg h&ouml;rten wir nichts Neues, sondern das bekannte Schema: die Bosnier lebten bis zur serbischen Aggression friedlich zusammen &#8211; und heute blockieren die Serben eine notwendige Verfassungsreform f&uuml;r eine gemeinsame Zukunft des Landes. Durch den Krieg sind viele &quot;Kulturmuslime&quot; zu bewussten Muslimen geworden &#8211; und die Solidarit&auml;t islamischer Staaten trug ebenfalls dazu bei. Trotzdem hat Bosnien einen eigenst&auml;ndigen, europ&auml;ischen Islam, der auch offen ist f&uuml;r den interreligi&ouml;sen Dialog und das Zusammenleben.&nbsp;<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">Interessant war am sp&auml;ten Nachmittag das Gespr&auml;ch mit dem Hohen Repr&auml;sentanten f&uuml;r Bosnien-Herzegowina, Valentin INZKO. Seine eher positive Sicht &uuml;berraschte mich. Auch er gab einen kurzen geschichtlichen &Uuml;berblick, legte dann aber den Schwerpunkt auf den Friedensvertrag von Dayton, dessen Annex 4 die heute g&uuml;ltige Verfassung von Bosnien und Herzegowina darstellt. Die Einhaltung des Vertrages sowie die Interpretation der Verfassung obliegt dem Hohen Repr&auml;sentanten (OHR), der einem Lenkungsausschuss von 11 Staaten verantwortlich ist. Der OHR &ouml;hat weitgehende Vollmachten, zu denen auch die Entlassung von Politikern (inkl. Verbots politischer Bet&auml;tigung) und die Erlassung von Gesetzen geh&ouml;ren. Seine Vorg&auml;nger (inkl. Petritsch) haben davon &ouml;fters Gebrauch gemacht, er nicht, sondern er hat im Gegenteil inzwischen alle Politikverbote aufgehoben. Er sieht durchaus positive Entwicklungen und hofft, noch in seiner Amtszeit den OHR abschaffen zu k&ouml;nnen, weil das Ziel erreicht ist, dass BiH &quot;unumkehrbar auf euro-atlantischem Kurs&quot; ist. Das absolut gr&ouml;&szlig;te Problem ist f&uuml;r Inzko der nicht funktionsf&auml;hige Rechtsstaat (inkl. Korruption). Au&szlig;erdem die hohe Arbeitslosigkeit von 45 Prozent (davon sind allerdings rund die H&auml;lfte in Schwarzarbeit besch&auml;ftigt), die Jugendarbeitslosigkeit betr&auml;gt sogar 70 Prozent. Trotzdem gibt es auch Erfolge in der wirtschaftlichen Entwicklung &#8211; allein 2013 ist die Industrieproduktion um 6 %, der Export um 7 Prozent gestiegen.&nbsp;<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">Seinen Optimismus begr&uuml;ndete Inzko einerseits damit, dass &quot;Diplomaten bezahlte Optimisten&quot; sind, andererseits aber auch mit den Erfahrungen inter-ethnischer und inter-religi&ouml;ser Hilfe bei der j&uuml;ngsten &Uuml;berschwemmungskatastrophe. Auch bei einem aktuellen Grubenungl&uuml;ck habe sich das gezeigt. Es stimmt also nicht, was die Politiker und die Medien immer sagen, dass die V&ouml;lker nicht zusammenleben k&ouml;nnen und wollen. Auch auf Gemeindeebene oder im wirtschaftlichen bereich gebe es Zusammenarbeit &uuml;ber die ethnisch-religi&ouml;sen Grenzen hinweg.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\n\t&nbsp;\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\"><strong>10.9.2014<\/strong><br \/>\n\tin Sarajevo war wetterm&auml;&szlig;ig mit Abstand der sch&ouml;nste &#8211; richtiges Sommerwetter! Inhaltlich war f&uuml;r meinen subjektiven Eindruck der 1. der pessimistischste, der 2. der optimistischste und der 3. der vielleicht realistischste. Am Vormittag Moscheebesuch und Gespr&auml;ch<br \/>\n\tmit einem islamischen Theologen (und Koranexegeten). Es war interessant, doch kann man das schwer kurz zusammenfassen.<\/span><\/span><br \/>\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">Dann zu Mittag&nbsp; Gespr&auml;ch mit dem Caritaspr&auml;sidenten, einem katholischen Monsignore und nat&uuml;rlich<br \/>\n\tKroaten. Der bosnische Staat ist ohne internationale<br \/>\n\tGemeinschaft (noch) nicht existenzf&auml;hig. Hauptproblem ist nachwie vor das nationale Problem &#8211; und f&uuml;r die Wirtschaft ist esdie Politik. Die Serben haben ihre Republik und w&uuml;rden sie am liebsten mit Serbien vereinigen. Die Kroaten sind in der<br \/>\n\t&quot;F&ouml;deration&quot; die Minderheit, viele wollen zu Kroatien, haben<br \/>\n\tsich aber damit abgefunden, dass das nicht geht. Daher sind<br \/>\n\tviele nach Kroatien oder in die EU ausgewandert (fast die H&auml;lfte der Kroaten!). Das geht auch leicht, weil alle bosnischen<br \/>\n\tKroaten zwei P&auml;sse haben und somit als kroatische Staatsb&uuml;rger auch EU-B&uuml;rger sind. Die Muslime wollen einen gemeinsamen Einheitsstaat. Die derzeitige L&ouml;sung ist ein Kompromiss: die muslimisch-kroatische &quot;F&ouml;deration&quot; besteht aus 10 Kantonen und 1 Distrikt, wobei diese in vielen Bereichen eigene Gesetze haben.<br \/>\n\tInsgesamt gibt es in B.-H. 14 Regierungen. Im sozialen Bereich sind die beiden &quot;Entit&auml;ten&quot; ausschlaggeben, aber auch die Kantone, w&auml;hrend die gesamtstaatliche Ebene keine Zust&auml;ndigkeit hat.&nbsp;<\/span><\/span><br \/>\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">F&uuml;r die Caritas ist die Ausbildung der Schwerpunkt. Hier hat<br \/>\n\tman z. B. mit &ouml;sterreichischer (Regierungs- und<br \/>\n\tCaritas-)Unerst&uuml;tzung eine Berfusschule errichtet. Das war aber in Sarajevo gesetzlich nicht m&ouml;glich, weshalb man sie in Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska errichtet, wo das m&ouml;glich war. Die Caritas arbeitet nicht nur f&uuml;r Katholiken,sondern grunds&auml;tzlich f&uuml;r alle Volksgruppen. Bei Projekten, die von ausl&auml;ndischen Partnern finanziert werden, muss der &quot;nicht-katholische Anteil&quot; mindestens 20 Prozent betragen, ist aber oft auch h&ouml;her. Arabische Gelder &uuml;ber muslimische Hilfsorganisationen kommen hingegen ausschlie&szlig;lich Muslimen zugute. Ein zweiter Caritas-Schwerpunkt ist der Wiederaufbaunach der &Uuml;berschwemmungskatastrophe.<\/span><\/span><br \/>\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">Am Nachmittag hatten wir Gespr&auml;ch in der J&uuml;dischen Gemeinde (inkl. Besichtigung der einzigen noch voll genutzten Synagoge, sowie der &auml;ltesten Synagoge von 1581, die Museum ist und nur zum j&uuml;dischen Neujahr noch religi&ouml;s genutzt wird). Das Osmanische Reich hatte im 16. Jahrhundert viele aus Spanien und Portugal vertriebene Juden aufgenommen. In Sarajevo wurden 1566 15.000 sephardische Juden angesiedelt. Nach der<br \/>\n\t&ouml;sterreichisch-ungarischen Annexion kamen in dem 1880er Jahren noch ashkenazische Juden aus Polen und Galizien dazu, sodass es in Sarajevo bis zu 20.000 Juden gab. Vor 2. Weltkrieg waren es 12.000 Juden, von denen 90 Prozent von den Nazis bzw. der Ustascha ermordet wurden. &nbsp;Heute leben in ganz Bosnien ca. 1.100 und in Sarajevo ca. 700 Juden, wobei es keinen einzigen Rabbi gibt (der f&uuml;r Bosnien zust&auml;ndige lebt in Israel und kommt nur ab<br \/>\n\tund zu ins Land).<\/span><\/span><br \/>\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">Letzter Programmpunkt war der Interreligi&ouml;se Rat, in dem<br \/>\n\tMuslime, Orthodoxe, Katholiken und Juden nach dem Konsensprinzip zusammenarbeiten, wobei die 4 Pr&auml;sidenten jeweils die Oberh&auml;upter oder h&ouml;chste Repr&auml;sentanten der 4<br \/>\n\tGlaubensgemeinschaften sind. Dazu gibt es noch 12<br \/>\n\tRegionalstellen, in denen aber (weil Juden nicht vorhanden) nur 3 Religionsgemeinschaften vertreten sind. Die Programme des Rates wenden sich haupts&auml;chlich an Jugendliche, Frauen und Religionslehrer. Es geht um dauerhaften Frieden und Vers&ouml;hnung, aber auch um Kooperation gegen den Vandalismus gegen religi&ouml;se Geb&auml;ude. &nbsp;Pro Jahr gibt es 50 bis 70 &Uuml;bergriffe auf Kirchen und Moscheen, wobei die 3 Religionsgemeinschaften ungef&auml;hr in gleicher Zahl betroffen sind. Es geht fast ausschlie&szlig;lich um Angriffe der jeweiligen Mehrheit gegen die jeweiligen Minderheiten (also in Banja Luka von Serben gegen Muslime und Katholiken; in Sarajevo von Muslimen gegen Serben und Kroaten oder in Mostar gegen Serben und Muslime).<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p>\n\t&nbsp;\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">Wenn man Sarajevo als besondere Stadt des interreligi&ouml;sen und interkulturellen Zusammenlebens bezeichnet, so stimmt das f&uuml;r die Vergangenheit sicher, heute aber wegen der<br \/>\n\tBev&ouml;lkerungsverschiebung nur noch bedingt: gegen Ende der<br \/>\n\t&ouml;sterreichischen Herrschaft waren rund ein Drittel der Bewohner Muslime, ein weiteres Drittel Kroaten, ein Sechstel Serben und ein Zehntel Juden. 1991 &#8211; vor dem Bosnien-Krieg betrug der Anteil der Musime knapp &uuml;ber 50 &nbsp;Prozent, 30 Prozent waren Serben und 7 Prozent Kroaten &#8211; die Juden waren ja zwischen 1939 und 1945 de facto verschwunden. Heute sind mindestens 80 Prozent der Bewohner Muslime, der Anteil der Serben ist auf 10 Prozent geschrumpft &#8211; und rund ebensoviele Kroaten.<\/span><\/span><br \/>\n\t<span style=\"font-size: 14px\"><span style=\"font-family: verdana, geneva, sans-serif\">Die aktuellen Zahlen sind allerdings nicht best&auml;tigt. Die<br \/>\n\tletzte Volksz&auml;hlung gab es 1991 &#8211; seither k&ouml;nnen sich die<br \/>\n\tVolksgruppen auf keine neue Z&auml;hlung einigen.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>32 interessierte&nbsp; Frauen und M&auml;nner waren mit Dr. Richard Hussl , politischer Referent in Pax Christi &Ouml;sterreich, nach und in Sarajevo unterwegs. Einblick und Begegnungen mit VertreterInnnern der Kulturen und Religionen standen am Programm. 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