{"id":7259,"date":"2015-12-11T11:05:31","date_gmt":"2015-12-11T10:05:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.paxchristi.at\/?p=7259"},"modified":"2016-01-28T11:07:54","modified_gmt":"2016-01-28T10:07:54","slug":"ebnet-die-strassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=7259","title":{"rendered":"\u201eEbnet die Stra\u00dfen\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Wenn wir statt in &Ouml;sterreich in Syrien auf die Welt gekommen w&auml;ren, dann w&uuml;rden wir mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit heute auch zur gro&szlig;en Schar der Fl&uuml;chtlinge geh&ouml;ren. Die &Auml;lteren unter uns w&uuml;rden sich die Strapazen der Flucht nicht mehr antun. Sie w&uuml;rden eher zu Hause bleiben &ndash; auch wenn sie rechnen m&uuml;ssten im Kugelhagel zu sterben.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Wenn wir in den Slums der Gro&szlig;st&auml;dte in Lateinamerika geboren worden w&auml;ren oder in den Hungergebieten Afrikas wie Burkina Faso, wo durch die zunehmende Trockenheit nichts mehr w&auml;chst und auch das Wasser verseucht ist &ndash;dann w&auml;ren wir schon als Kinder an Hunger gestorben oder wir h&auml;tten dort nur eine Lebenserwartung von 35 Jahren, weil wir unterern&auml;hrt und keine anst&auml;ndige Gesundheitsversorgung haben.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">In der Charter der Vereinten Nationen hei&szlig;t zwar, dass jeder Mensch gleich ist an Rechten und w&uuml;rde &ndash; in der Realit&auml;t stimmt das aber nicht. Wir als &Ouml;sterreicher sind zweifellos Privilegierte auf dieser Welt.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Der Adventbrief der Propheten im heutigen Evangelium hei&szlig;t: &bdquo;Ebnet die Stra&szlig;en&ldquo; &ndash; macht die Gesellschaft so, dass alle Menschen unserer Erde auf einer ebenen Stra&szlig;e gehen k&ouml;nnen und nicht dass die einen steinig bergauf gehen m&uuml;ssen und die anderen laufen bergab. Ist Gott da mitschuldig, dass die Stra&szlig;en dieser Welt uneben sind &ndash; dass die einen ihr Leben auf dieser Welt in Luxus leben k&ouml;nnen und die anderen k&ouml;nnen nur dahinvegetieren? Es ist schon auch legitim, diese Frage an Gott zu richten. Der Grazer Armenpfarrer Pucher sagte in einer Radioansprache: &bdquo;Wenn ich gestorben bin und Gott begegne, dann werde ich ihm auf jeden Fall die Frage stellen: Warum kommen Menschen mit unterschiedlichen F&auml;higkeiten und mit unterschiedlicher Intelligenz zur Welt? Die mit wenigen F&auml;higkeiten ausgestattet sind oder sogar behindert sind, haben es ungeheuer schwer auf dieser Welt&ldquo;.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Auf diese Frage haben wir hier auf dieser Welt keine befriedigende Antwort. Wir haben aber auf dieser Welt viel Spielraum und viele M&ouml;glichkeiten, dass wir die Stra&szlig;en f&uuml;r alle Menschen eben machen k&ouml;nnen &ndash; das hei&szlig;t, dass wir allen Menschen zu einem menschenw&uuml;rdigen Leben verhelfen k&ouml;nnen &ndash; das hei&szlig;t, dass die Grundbed&uuml;rfnisse aller Menschen befriedigt werden &ndash; dass sie wegen Krieg oder wegen Hunger nicht mehr von ihrer Heimat fliehen m&uuml;ssen. Wenn Gott zum Beginn der Sch&ouml;pfung zu den Menschen gesagt hat: &bdquo;Macht euch die Erde untertan&ldquo; &ndash; dann meinte er damit nicht: beutet die Erde aus und zerst&ouml;rt die Ressourcen der Erde, sondern: &bdquo;Macht die Erde bewohnbar f&uuml;r alle Menschen &ndash; auch bewohnbar f&uuml;r die k&uuml;nftigen Generationen&ldquo;.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Die Stra&szlig;en eben zu machen, das bedeutet f&uuml;r uns ein Umdenken. Es hei&szlig;t auf jeden Fall einmal, dass wir dagegen ank&auml;mpfen m&uuml;ssen, dass in unserer Gesellschaft die Kluft zwischen Arm und Reich immer gr&ouml;&szlig;er wird. Die 86 reichsten Menschen dieser Erde besitzen genauso viel wie die untere H&auml;lfte der Menschheit &ndash; wie dreieinhalb Milliarden Menschen. Der Facebook Gr&uuml;nder Zuckerberg, der &uuml;ber 40 Milliarden Euro an Privatverm&ouml;gen hat, hat diese Woche bekannt gegeben, dass er 99 % seines Verm&ouml;gens f&uuml;r Sozialprojekte spenden m&ouml;chte.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Er ist mit dem einen Prozent, das ihm bleibt, noch immer reich.&nbsp; Diese Entscheidung von Zuckerberg ist zu bewundern, aber wenn wir nach Gerechtigkeit streben, dann br&auml;uchten wir Gesetze und Strukturen, die es verhindern, dass der Herr Zuckerberg &uuml;berhaupt so reich wird. Die Stra&szlig;en ebnen hei&szlig;t nicht nur den Fl&uuml;chtlingen helfen und Caritas &uuml;ben, sondern es hei&szlig;t mithelfen, eine gerechte Gesellschaft zu bauen. Gerechtigkeit ist mehr als N&auml;chstenliebe, Gerechtigkeit h&auml;ngt sehr viel mit den Strukturen zusammen.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Unsere Wirtschaftsstrukturen sind deshalb ungerecht, weil es bei diesen Strukturen nicht um den Menschen geht, sondern nur um die Vermarktung des Profits.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Die Menschlichkeit muss in diesen Strukturen immer erk&auml;mpft werden &ndash; sei es durch staatliche Sozialgesetze, oder in der Arbeitswelt bem&uuml;ht sich die Gewerkschaft um halbwegs gerechte L&ouml;hne zu erk&auml;mpfen und die Arbeiterinnen und Arbeiter vor Ausbeutung zu bewahren.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">In der Kirche haben wir immer einen starken Zensus f&uuml;r N&auml;chstenliebe und Caritas gehabt, aber wenn wir ehrlich sind m&uuml;ssen wir zugeben, dass wir sehr schwach waren im Einsatz f&uuml;r mehr Gerechtigkeit. Papst Franziskus geht hier eine andere Linie. Ihm geht es nicht nur um caritatives Helfen &ndash; er fordert sehr stark die Gerechtigkeit ein und deshalb sagt er: &bdquo;Diese Wirtschaft t&ouml;tet und in dieser Wirtschaft werden Menschen wie M&uuml;ll entsorgt.&ldquo;<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Marion Gr&auml;fin Donh&ouml;ff, die fr&uuml;here Herausgeberin der Wochenzeitschrift &bdquo;Die Zeit&ldquo; hat in ihrem Verm&auml;chtnis vor ihrem Sterben folgendes geschrieben: &bdquo;Die Marktwirtschaft beansprucht den Menschen ganz und duldet keine G&ouml;tter neben sich. Sie ist sehr besitzergreifend. Ihr Wesen ist der Wettstreit und ihr Motor ist der Egoismus. Ich muss besser sein, ich muss mehr produzieren, mehr verdienen als die anderen, sonst kann ich nicht &uuml;berleben&ldquo;. Soweit Gr&auml;fin Donh&ouml;ff.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Ich gebe jetzt im Advent ein Plakat in den Schaukasten beim Bahnhof, wo ich draufschreibe:<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">&bdquo;Gerechtigkeit ist in Strukturen gegossene Liebe &ndash; Kapitalismus ist in Strukturen gegossener Egoismus.&ldquo;<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Wir werden dieses neoliberale Wirtschaftssystem, das sich heute auf der ganzen Welt ausbreitet, sicher nicht so schnell st&uuml;rzen k&ouml;nnen &ndash; aber wenn wir nicht an den Grundfesten dieses Systems kratzen und nicht bereit sind, dem Rad dieses Systems in die Speichen zu greifen, dann k&ouml;nnen wir die Gerechtigkeit auf dieser Welt vergessen &ndash; dann k&ouml;nnen wir die Stra&szlig;en dieser Welt nicht ebnen, dann werden wir weder f&auml;hig sein, eine Klimapolitik zu machen, die auch den kommenden Generationen ein menschenw&uuml;rdiges Leben auf dieser Welt erm&ouml;glicht, noch werden wir die Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me auf der Welt eind&auml;mmen und das Hungerproblem l&ouml;sen.<\/span><\/span>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\">Die Stra&szlig;en ebnen hei&szlig;t f&uuml;r uns, dass wir mit unseren M&ouml;glichkeiten mithelfen eine gerechte Welt zu bauen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\t<span style=\"font-family:verdana,geneva,sans-serif;\"><span style=\"font-size:14px;\"><span style=\"line-height: 20.8px;\">Kaplan Franz Sieder &ndash;&nbsp;Predigt vom 6. Dezember 2015 &ndash; Spital Amstetten<\/span><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir statt in &Ouml;sterreich in Syrien auf die Welt gekommen w&auml;ren, dann w&uuml;rden wir mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit heute auch zur gro&szlig;en Schar der Fl&uuml;chtlinge geh&ouml;ren. Die &Auml;lteren unter uns w&uuml;rden sich die Strapazen der Flucht nicht mehr antun. 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