{"id":7783,"date":"2017-04-11T18:07:16","date_gmt":"2017-04-11T16:07:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.paxchristi.at\/?p=7783"},"modified":"2017-04-11T18:15:50","modified_gmt":"2017-04-11T16:15:50","slug":"die-reformation-und-die-herausforderung-des-friedens-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=7783","title":{"rendered":"Die Reformation und die Herausforderung des Friedens heute"},"content":{"rendered":"<p>\n\t<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"buenker\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-7759\" height=\"150\" src=\"http:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/buenker-150x150.png\" width=\"150\" \/>\n<\/p>\n<p>\n\tvon Bischof Dr. Michael B&uuml;nker, evang. Kirche A.B.: Beitrag zum Studientag von Pax Christi &Ouml;sterreich:<br \/>\n\t&bdquo;Frieden in Gerechtigkeit. Unser Beitrag zum Reformationsjahr 2017&ldquo;, Linz, 3. M&auml;rz 2017\n<\/p>\n<p>\n\tReformation: Zweihundert Jahre Krieg?<br \/>\n\tWenn man auf die Reformationszeit zur&uuml;ckblickt, f&auml;llt die Bilanz im Blick auf den Frieden mehr als ern&uuml;chternd aus. Man kann die Geschichte der Reformation ohne weiteres als die Geschich&shy;te eines zweihundertj&auml;hrigen mehr oder weniger kontinuierlichen Krieges beschreiben.\n<\/p>\n<p>\n\t<!--more-->\n<\/p>\n<p>\n\tDas 16. Jahr&shy;hundert hat nicht ein einziges Jahrzehnt wirklichen Frieden ge&shy;kannt. Auch im 17. Jahrhun&shy;dert hat es nur am Anfang einige wenige Jahre gegeben, die ohne milit&auml;rische Auseinanderset&shy;zun&shy;gen waren. Begonnen haben diese Auseinan&shy;der&shy;setzungen schon geraume Zeit vor der Ver&shy;&ouml;f&shy;fentlichung der 95 Thesen Martin Luthers im Herbst 1517. Manche Historiker und Historike&shy;r&shy;in&shy;nen nennen als Aus&shy;gangs&shy;punkt den Krieg, den ab 1490 die Franzosen und die Habsburger in Ita&shy;lien ge&shy;gen&shy;ein&shy;an&shy;der gef&uuml;hrt haben. Aber schon sechs Jahre nach 1517 kam es zum gro&szlig;en deut&shy;&shy;schen Bauernkrieg. Ab 1547 &ndash;&nbsp; ein Jahr nach Luthers Tod &ndash; dann der Schmal&shy;kaldische Krieg, dicht darauf die furchtbaren blutigen Kriege gegen die Hugenotten in Frankreich in den 1560er und 1590er Jahren und die blutigen Auseinandersetzungen zwischen England und Schott&shy;land. 1618 beginnt dann der Drei&szlig;igj&auml;hrige Krieg mit seinen ungeheuren Zer&shy;st&ouml;&shy;rungen und Verlusten an Menschenleben.\n<\/p>\n<p>\n\tSt&auml;ndig, so soll man es sich vorstellen, waren Kolonnen von Fl&uuml;chtlingen auf den Stra&szlig;en Euro&shy;pas unterwegs. Menschen, die entweder vor Krieg und Gewalt fliehen muss&shy;ten oder die wegen ihres Glaubens davongejagt wurden bzw. ihre Heimat freiwillig ver&shy;lassen hatten. Diese Reforma&shy;tions&shy;kriege, so hei&szlig;t es, zogen die bis dahin gr&ouml;&szlig;te Bev&ouml;lkerungswanderung in Europa nach sich, &uuml;berboten nur von den 80 Millionen Verjagten im 20. Jahrhundert als Folge der beiden Welt&shy;&shy;krie&shy;ge. Hundertausende haben ih&shy;rer Heimat den R&uuml;cken gekehrt und sich in der Neuen Welt an&shy;gesiedelt. Darunter auch einige Gruppen von Evangelischen aus dem heutigen &Ouml;ster&shy;reich, aus dem sch&auml;tzungsweise 220.000 Menschen wegen ihres Glaubens vertrieben, depor&shy;tiert oder aus der Heimat gedr&auml;ngt wurden. Ich z&auml;hle einmal die T&auml;ufer und T&auml;uferinnen gar nicht dazu. Dann kommt man auf eine wesentlich h&ouml;here Zahl.\n<\/p>\n<p>\n\tUm das Jahr 1590 war halb Europa protestantisch, hundert Jahre sp&auml;ter nur noch ein F&uuml;nftel des Kontinents. B&ouml;hmen, M&auml;hren, Siebenb&uuml;rgen und das heutige &Ouml;sterreich stehen f&uuml;r den Sie&shy;ges&shy;zug der Gegenreformation im Herrschaftsgebiet der Habsburger. Die Grenze des Pro&shy;te&shy;stan&shy;tis&shy;mus hat sich in wenigen Jahrzehnten um hunderte Kilo&shy;me&shy;ter nach Norden verschoben. Genf war pl&ouml;tzlich ein Au&szlig;enposten ganz im S&uuml;dwesten, obwohl es doch vorher im Zentrum gelegen war. Ab 1680 richteten die Armeen der Herz&ouml;ge von Savoyen entsetzliche Massaker unter den Waldensern an. Die religi&ouml;se Vielfalt und relative Toleranz in Polen-Litauen ist immer mehr un&shy;ter Druck geraten und wurde schlie&szlig;lich zerst&ouml;rt und das Land seinen Nachbarn auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, wie mehrmals in seiner Geschichte.\n<\/p>\n<p>\n\tAuch wenn die Bev&ouml;lkerung bestimmt der Kriege m&uuml;de war, hielten die Herrschenden daran fest. Die Habsburger &ndash; verbunden mit den bayerischen Wittelsbachern, die als besonders stren&shy;ge Gegenreformatoren galten &ndash; haben mit gro&szlig;er H&auml;rte auch noch nach dem Westf&auml;lischen Frie&shy;&shy;den von 1648 gegen die Protestanten durchgegriffen. Ludwig XIV. &ndash; der franz&ouml;sische K&ouml;nig &ndash; erreicht mit seinen Feldz&uuml;gen fast, was die Spanier nicht geschafft hatten, n&auml;mlich die Ver&shy;einig&shy;&shy;ten Provinzen der Niederlande zu besiegen. Erst Wilhelm von Oranien konnte seinen Vormarsch aufhalten und wurde gleichsam nebenbei in der Glorious Revolution von 1688 K&ouml;nig von Eng&shy;land. Die Engl&auml;nder sind zum Hauptgegner Frankreichs geworden und stoppten unter der F&uuml;h&shy;rung von John Churchill, dem sp&auml;teren Herzog von Marlborough, den Vormarsch Frank&shy;reichs An&shy;fang des 18. Jahrhunderts.\n<\/p>\n<p>\n\tMit diesen Kriegen wuchsen die Kosten ins Astronomische. Um diese Kosten aufbringen zu k&ouml;n&shy;nen, wandelte sich das Regierungssystem in den meisten europ&auml;ischen L&auml;ndern. Es bildete sich der &bdquo;Staat&ldquo;. So f&ouml;rderten die Reformation und die ihr folgenden Auseinandersetzungen die Zen&shy;tra&shy;lisierung der staatlichen Macht, und das auf allen Seiten, katholisch wie evangelisch. Lose ver&shy;bundene, von Adeligen oder repr&auml;sentativen Versammlungen politisch organisierte Gebiete oder St&auml;dte wurden zu straff organisierten Monarchien. Auf evangelischer Seite kann man Bran&shy;den&shy;burg-Preu&szlig;en oder Schweden nennen, auf katholischer Seite Spanien, Frankreich und na&shy;t&uuml;r&shy;&shy;lich die Habsburgischen L&auml;nder. Die gro&szlig;e Ausnahme bildete f&uuml;r eine bestimmte Zeit noch Po&shy;&shy;len-Litauen. Dieses erstaunliche politische Gebilde, das von Siebenb&uuml;rgen bis ins Baltikum reich&shy;te und die Ukraine und Wei&szlig;russland umfasste, war eine besondere Ausnahme. Die er&shy;stark&shy;ten Monarchien, von denen ich gesprochen habe, haben die kulturelle und religi&ouml;se Iden&shy;ti&shy;t&auml;t ihrer L&auml;nder durch Abgrenzung gef&ouml;rdert. Pl&ouml;tzlich galt das Prinzip &bdquo;Landeseinheit durch Glau&shy;&shy;bens&shy;ein&shy;&shy;heit&ldquo;. Man brauchte dieses Prinzip, um die Bev&ouml;lkerung des eigenen Landes gegen die Bev&ouml;l&shy;ke&shy;rung anderer L&auml;nder politisch entsprechend zu instrumentalisieren. Dazu entstanden die bis heute bekannten Nationalsprachen, auch da war die Reformation nicht ganz unbeteiligt daran. Ich erw&auml;hne das kastilische Spanisch, das Nordfranz&ouml;sisch, das Hochdeutsch, das Lon&shy;do&shy;ner Eng&shy;lisch usw. Latein als das Esperanto der Intellektuellen und Gelehrten trat Zug um Zug zu&shy;r&uuml;ck. Bald nach dem Jahr 1700 wurden aus diesen Staatsnationen Nationalstaaten. Die Theo&shy;lo&shy;gen aller Richtungen legitimierten die Monarchen als von Gottes Gnaden eingesetzte Herr&shy;scher, aber gleichzeitig entwarfen sie da und dort Theorien, die den K&ouml;nigsmord als Ty&shy;ran&shy;nen&shy;mord rechtfertigen sollten. Auch das gab es auf katholischer wie auf evangelischer Seite. Die Theorien sind nicht ohne Folgen geblieben: Wilhelm von Oranien wurde ermordet, Heinrich III. und Hein&shy;rich IV. in Frankreich, Maria Stuart, Karl I. in Schottland und England und noch einige mehr.\n<\/p>\n<p>\n\tErst mit den Siegen der Engl&auml;nder gegen Ludwig XIV. &ndash; ich habe es erw&auml;hnt &ndash; am Anfang des 18. Jahrhundert stabilisierte sich die politische Lage f&uuml;r eine gewisse Zeit. Die Kluft zwischen den ka&shy;tholischen und protestantischen L&auml;ndern war allerdings mittlerweile tief und un&uuml;ber&shy;br&uuml;ck&shy;bar ge&shy;worden. Sie pr&auml;gte auch das Alltagsleben, katholische St&auml;dte in Polen standen etwa Se&shy;vil&shy;la viel n&auml;her als ihren baltischen oder schwedischen evangelischen Nachbarst&auml;dten. Europa be&shy;&shy;gann sich also kulturell, in Milieu und Mentalit&auml;t grundlegend anders zu organisieren, als es bis dahin gewesen ist.\n<\/p>\n<p>\n\tWar das eine zwangsl&auml;ufige Entwicklung? Musste es so kommen? Es hatte doch niemand der an der Reformation Beteiligten &ndash; Bef&uuml;rworter wie Gegner &ndash; geplant oder beabsichtigt. Ich er&shy;in&shy;ne&shy;re daran, dass es gewisse Oasen der Toleranz gegeben hat, in denen auch in Zeiten der gr&ouml;&szlig;&shy;ten Konflikte und Auseinandersetzungen das Zusammenleben verschiedener Religionen und Kon&shy;fessionen zumindest f&uuml;r einige Zeit gelungen ist. Polen-Litauen habe ich schon er&shy;w&auml;hnt. In diesem Herrschaftsgebiet lebten Christen und Christinnen der verschiedenen Kon&shy;fes&shy;sionen zu&shy;sammen mit Juden und J&uuml;dinnen und Menschen islamischen Glaubens. Polen-Li&shy;tau&shy;en war von innerer Pluralit&auml;t gepr&auml;gt. Als die Jagiellonen in der m&auml;nnlichen Linie aus&shy;star&shy;ben, traten die Ade&shy;ligen zusammen, um einen neuen K&ouml;nig zu w&auml;hlen. Es war f&uuml;r sie klar, dass es kein Habs&shy;bur&shy;ger werden sollte. Also entschied man sich am besten gleich f&uuml;r einen Erz&shy;feind der Habs&shy;burger, also f&uuml;r Heinrich von Valois von Frankreich. Da erreichte Polen 1572 die Nachrichten von den Schrecken der Bartholom&auml;usnacht in Frankreich und man zweifelte, ob ein franz&ouml;si&shy;scher K&ouml;nig so gut w&auml;re. Daraufhin trat in Warschau der sogenannte Kon&shy;vo&shy;ka&shy;tions&shy;sejm zusam&shy;men und beschloss eine Konf&ouml;derationsurkunde, die f&uuml;r den neuen K&ouml;nig gel&shy;ten sollte und die er unterschreiben musste. Das war 1573 &ndash; ein Jahr nach der Bartho&shy;lo&shy;m&auml;us&shy;nacht. Ich lese die wichtigste Passage daraus vor:\n<\/p>\n<p>\n\t&bdquo;Da es in unserem Gemeinwesen nicht unerhebliche Meinungsverschiedenheiten in Glaubens&shy;fra&shy;gen gibt, versprechen wir einander &ndash; um von vornherein in unserem Volk jeden sch&auml;dlichen Zwist &uuml;ber diese Fragen zu vermeiden, wie wir ihn deutlich in anderen Reichen sehen -, f&uuml;r uns und unsere Nachkommen und f&uuml;r alle Zeiten, dass wir, die wir im Hinblick auf den Glauben un&shy;&shy;terschiedliche &Uuml;berzeugungen hegen, Frieden untereinander wahren und nicht wegen eines an&shy;deren Glaubens oder eines Kirchenwechsels Blut vergie&szlig;en oder einander bestrafen durch Be&shy;schlagnahme von Eigentum, Entehrung, Haft oder Verbannung und keinen Richter oder son&shy;&shy;stigen Repr&auml;sentanten der Obrigkeit bei einer derartigen Handlungen unterst&uuml;tzen wer&shy;den.&ldquo;\n<\/p>\n<p>\n\tMit diesem Beschluss galt Polen-Litauen als &bdquo;Paradisus haereticorum&ldquo;, denn auch die anders&shy;wo von allen verfolgten Unitariere oder Sozinianer wurden anfangs mit Gleichberechtigung an&shy;er&shy;kannt und konnten mit den anderen leben. Dem hat auch der junge Heinrich von Valois zu&shy;ge&shy;stimmt &ndash; er wollte ja K&ouml;nig von Polen werden &ndash; aber es hat nicht lange gedauert. Nach dem Tod seines Bruders musste er zur&uuml;ck nach Frankreich und die polnisch-litauischen Adeligen w&auml;hl&shy;ten jetzt Istvan Bathory, den siebenb&uuml;rgischen Gro&szlig;f&uuml;rsten und katholischen Woiwoden zu seinem Nachfolger. Das friedliche Zusammenleben und die Koexistenz der unterschiedlich&shy;sten Konfessionen in Polen des 16. Jahrhundert, das orthodoxe Gro&szlig;f&uuml;rstentum Moskau im Osten, das islamische osmanische Reich im S&uuml;den, das protestantische Schweden gleich jen&shy;seits des Meeres im Norden und das gemischt katholisch-evangelische Heilige R&ouml;mische Reich im Westen, zerrissen zwischen Reformation und Gegenreformation, war dennoch ein&shy;zig&shy;artig in Europa. Das soll man nicht vergessen!\n<\/p>\n<p>\n\t&bdquo;Auf einem von Religionskriegen zerrissenen europ&auml;ischen Kontinent konnte nur Polen das epo&shy;chemachende allgemeine Toleranzstatut hervorbringen, das von der Warschauer Konf&ouml;&shy;de&shy;ra&shy;tion beschlossen wurde. Vereinzelte Akte des religi&ouml;sen Fanatismus konnten noch vor&shy;kom&shy;men, doch eine allgemeine Verfolgungskampagne war nicht m&ouml;glich. Polen verdiente wahrlich sei&shy;nen Namen als &sbquo;das Land ohne Scheiterhaufen&lsquo;&ldquo;. So Norman Davis in seiner Ge&shy;schichte Po&shy;lens aus dem Jahr 2006.\n<\/p>\n<p>\n\tDer neue K&ouml;nig Istvan Bathory, der katholische Woiwode von Siebenb&uuml;rgen, konnte zur&uuml;ck&shy;grei&shy;fen auf die Beschl&uuml;sse des Landtags von Torda in Siebenb&uuml;rgen. Mit diesem Landtag wur&shy;de in Siebenb&uuml;rgen die Anerkennung verschiedener Religionen &#8211; katholisch, reformiert, lu&shy;the&shy;risch und unitarisch &#8211; ausgesprochen. Pfarrer sollen an allen Orten das Evangelium nach ihrem Ver&shy;st&auml;ndnis predigen. Wenn die jeweilige Gemeinde das zu akzeptieren bereit ist, ist es gut. Ist das jedoch nicht der Fall, d&uuml;rfen sie niemanden mit Gewalt zwingen, falls ihre Seele keinen Frieden findet, sondern einen Pastor w&auml;hlen, dessen Lehre der Gemeinde genehm ist. Es ist nie&shy;mandem erlaubt, einem anderen wegen dessen Lehre mit Kerker oder Bann zu drohen, denn &ndash; so die Begr&uuml;ndung &#8211; der Glaube ist ein Geschenk Gottes.\n<\/p>\n<p>\n\tEine dritte Oase der Toleranz neben Polen-Litauen und Siebenb&uuml;rgen war in unmittelbarer N&auml;&shy;he &Ouml;sterreichs, n&auml;mlich M&auml;hren mit Nikolsburg\/Mikulov als Zentrum. Unter der Herrschaft des Leon&shy;hard von Liechtenstein sind dort alle aus anderen Teilen des Habsburgerreiches Ver&shy;folg&shy;te, in erster Linie die T&auml;ufer und T&auml;uferinnen, f&uuml;r einige Jahre aufgenommen worden. Schon 1421 haben die aus Wien verjagten J&uuml;dinnen und Juden in Nikolsburg Aufnahme gefunden. Einer der T&auml;ufer, die dort waren, war Balthasar Hubmair, der 1528 vor dem Stubentor in Wien ver&shy;&shy;brannt wurde, seine Frau hat man in der Donau ertr&auml;nkt. Hubmairs Wahlspruch war &bdquo;Die Wahr&shy;heit ist unt&ouml;dlich&ldquo; und zeigt fr&uuml;h eine Haltung der Toleranz.\n<\/p>\n<p>\n\tEs hat dann in Teilen Europas wo der Gegensatz zwischen den Konfessionen kriegerisch aus&shy;ge&shy;&shy;tra&shy;gen wurde, noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gedauert, bis die Toleranz ver&shy;wirk&shy;licht wurde, ich erw&auml;hne f&uuml;r Preu&szlig;en das W&ouml;llnersche Religionsedikt und f&uuml;r &Ouml;sterreich das To&shy;le&shy;ranz&shy;patent von Josef II. 1781. Seine Mutter Maria Theresia hat nichts davon gehalten. Sie konn&shy;te sich das Wohlergehen des Staates ohne Glaubenseinheit schlicht nicht vorstellen. Die Herausbildung des religi&ouml;s und weltanschaulich neutralen Verfassungsstaates konnte erst auf der Grundlage der Menschenrechte, die die Basis f&uuml;r ein Zusammenleben unterschiedlicher Wahr&shy;&shy;heitsanspr&uuml;che unter den Bedingungen kultureller und religi&ouml;ser Pluralit&auml;t bieten, wie sie heu&shy;te f&uuml;r Europa kennzeichnend sind, erfolgen.\n<\/p>\n<p>\n\tDie Reformatoren haben alle die mittelalterliche Lehre vom gerechten Krieg &uuml;bernommen &ndash; so gut wie alle. Es gibt kaum eine Ausnahme. Auch im Augsburger Bekenntnis, auf das zumindest wir beide uns verpflichtet haben, steht im Artikel 16 das &bdquo;iure bellare&ldquo;, also das rechtm&auml;&szlig;ige Krieg&shy;&shy;f&uuml;hren oder &bdquo;iure militare&ldquo; &ndash; wie es manchmal auch hei&szlig;t. Allerdings hat Luther zumin&shy;dest zwei wichtige Einschr&auml;nkungen gemacht. Die Erste ist die Verwerfung jeder Kreuzzugs&shy;idee. Es gibt keinen Krieg im Namen Gottes. Auch die Kriege gegen die Osmanen, die damals beson&shy;ders im Vordergrund standen, waren f&uuml;r Luther nie Glaubenskriege. Sie durften seiner Mei&shy;nung nach nicht um des Glaubens willen und wegen des Glaubens gef&uuml;hrt werden. F&uuml;r Luther gab es keinen Krieg des christlichen Abendlandes gegen Ungl&auml;ubige. Und das Zweite: F&uuml;r Lu&shy;ther waren nur Verteidigungskriege gerecht &ndash; im besten Fall. Manche seiner &Auml;u&szlig;erun&shy;gen ent&shy;zie&shy;hen der milit&auml;rischen Gewalt &uuml;berhaupt die Rechtfertigung. Wer Krieg &bdquo;anfehet&ldquo; (anf&auml;ngt), sagt er, der ist unrecht. Man wei&szlig; heute, dass das nicht immer so sauber aus&shy;ein&shy;an&shy;der&shy;zuhalten ist, aber es zumindest einmal ein Grundsatz, ein Pflock, der eingeschlagen wird. Freilich muss gleich dazu gesagt werden, dass Luther kein Pazifist war. Seine &Auml;u&szlig;erungen im Bauernkrieg und seine Aufrufe an die F&uuml;rsten, gegen die Aufst&auml;ndischen mit aller Gewalt vor&shy;zugehen, be&shy;le&shy;gen das in erschreckender Weise. Folgerichtig ist der Pazifismus, wie ihn t&auml;uferi&shy;sche Gruppen vertreten haben (allerdings nicht alle), von den Reformatoren generell abge&shy;lehnt worden. Von Luther gibt es die ber&uuml;hmte Schrift &bdquo;Ob Kriegsleute im seligen Stand sein k&ouml;nnen&ldquo; und seine Antwort ist ja, unter den beiden Bedingungen, die ich genannt habe. Im Fall eines offenkundig un&shy;gerechten Krieges hat der Christ der Obrigkeit seinen Gehorsam, und da&shy;mit auch den Wehr&shy;dienst, zu verweigern. &Auml;hnlich ist es auch bei Johannes Calvin.\n<\/p>\n<p>\n\tHeute &#8211; Neuer R&uuml;stungswettlauf?\n<\/p>\n<p>\n\tDie Spatzen pfeifen es von den D&auml;chern: Wir stehen vor einem neuen Wettr&uuml;sten, das vor al&shy;lem im atomaren Bereich ausgetragen werden wird. Die R&uuml;stungsbegrenzungs- und Abr&uuml;&shy;stungs&shy;&shy;&shy;abkommen der 1980er Jahre werden Zug um Zug in Frage gestellt und durchbrochen. Be&shy;gonnen hat damit Georg W. Bush 2001, indem er einseitig das ABM-Abkommen k&uuml;ndigte, das Raketenabwehrsysteme mit wenigen Ausnahmen verboten hat. Fortgesetzt hat das dann Russ&shy;land mit der Stationierung von Iskander Raketen in Kaliningrad, also von Kurzstrecken&shy;ra&shy;ke&shy;ten, die nach Meinung vieler auch als Mittelstreckenraketen eingesetzt werden k&ouml;nnen, was aber gem&auml;&szlig; dem INF Abkommen von 1987 verboten w&auml;re. Wladimir Putin hat das Plutonium&shy;ab&shy;kommen aus dem Jahr 2000 aufgek&uuml;ndigt und beide Seiten, die USA und Russland, haben die Modernisierung und Erweiterung ihrer Atomwaffenprogramme angek&uuml;ndigt. Gro&szlig;britan&shy;nien hat, Brexit hin oder her, seine Trident Flotte um Unsummen erneuert und der polnische Mi&shy;ni&shy;ster&shy;pr&auml;sident hat offen davon gesprochen, dass er gerne die EU zu einer Atommacht aus&shy;bauen w&uuml;rde. Der neue US-Pr&auml;sident hat mit der Forderung nach einem Ausbau des Atomwaf&shy;fen&shy;arsenals Kritik auf sich gezogen. Abr&uuml;stungsbef&uuml;rworter werden den Republikanern vor, die Fakten zu ignorieren. John Tierney vom Center for Arms Control and Non-Profiteration erkl&auml;r&shy;te, dass offenkundig jeder Staatschef auf der Welt, au&szlig;er Donald Trump, wisse, dass die USA schon jetzt f&uuml;hrend auf dem Gebiet der atomaren Massenvernichtungsmittel seien. Trump hat in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters, in der Zeit als er noch Interviews an Nachrichtenagenturen gegeben hat, gesagt, dass er das Atomwaffenarsenal der USA aus&shy;bau&shy;en wolle. Vordergr&uuml;ndig geht es um eine Differenz von 200 Atomsprengk&ouml;pfen in den Arsena&shy;len von Russland und den USA. Aber die Vereinigten Staaten m&uuml;ssen immer die f&uuml;hrende Atom&shy;&shy;macht sein, so ihr Pr&auml;sident. Es w&auml;re wunderbar und ein Traum, wenn kein Staat Atom&shy;waf&shy;fen h&auml;tte &ndash; sagt der neue Pr&auml;sident &ndash; aber so lange Staaten Atomwaffen haben, &bdquo;werden wir im Rudel ganz oben stehen&ldquo;.\n<\/p>\n<p>\n\tUnter dem Eindruck der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland im Jahr 2014 haben die NATO-Staaten verbindlich beschlossen, 2 % ihres Bruttoinlandsproduktes f&uuml;r die Verteidigung aus&shy;zugeben. F&uuml;r Deutschland w&uuml;rde das bis 2024 bedeuten, diese Ausgaben von derzeit 36 Mil&shy;liarden auf 75 Milliarden Euro zu steigern. F&uuml;nf NATO-Mitglieder erreichen derzeit schon die 2-%-Marke, das sind die USA, Gro&szlig;britannien, Litauen, Polen und &ndash; paradoxerweise &ndash; Grie&shy;chen&shy;land. Die NATO-Staaten Europas stehen nun unter dem Druck der USA, seit Donald Trump angek&uuml;ndigt hat, nur noch jene Staaten zu unterst&uuml;tzen, die ihren Verpflichtungen ver&shy;st&auml;rkt nachkommen. Insgesamt geben die NATO L&auml;nder &uuml;ber 900 Milliarden US-Dollar f&uuml;r R&uuml;&shy;stung aus, Russland im Vergleich bescheidene 66 Milliarden. Allerdings sind diese 66 Milliar&shy;den 4 &ndash; 5 % des russischen Bruttoinlandsproduktes. Besonders teuer kommen der NATO die nationalen Sonderinteressen. Die EU ist der zweitgr&ouml;&szlig;te Milit&auml;rinvestor weltweit, aber ganz be&shy;stimmt nicht die zweitgr&ouml;&szlig;te Milit&auml;rmacht. Michel Barnier, der Sicherheitsberater der EU, hat da&shy;zu un&shy;l&auml;ngst einen Bericht vorgelegt und festgestellt, dass die R&uuml;stungsausgaben bizarr hoch sind. Weil jedes Land seine eigenen Forschungen und Produkte f&ouml;rdert und finanziert. Ein Beispiel nur: In der EU gibt es 17 Typen an Kampfpanzern und in den USA einen. Von Ab&shy;r&uuml;&shy;stung keine Rede, vielmehr setzen die L&auml;nder wieder verst&auml;rkt auf milit&auml;rische Sicherheit und hohe R&uuml;&shy;stungs&shy;ausgaben, auch das &ouml;sterreichische Bundesheer darf sich &uuml;ber eine mas&shy;si&shy;ve Steigerung der Budgetmittel freuen. Nicht nur das bedroht den Frieden, sondern auch die Ent&shy;wicklung v&ouml;llig neuer Waffen- und T&ouml;tungssysteme wie die Drohnen. Drohnen erweisen sich immer deutlicher als ein Irrweg, weil sie die Deregulierung des Krieges f&ouml;rdern und eine Grau&shy;zone er&ouml;ffnen, in der nicht immer klar ist, wann ein Krieg beginnt und damit auch nicht, wann und wie er wieder beendet werden k&ouml;nnte. Das hei&szlig;t, alle jene Kriterien, die die bellum-iustum-&shy;Theo&shy;rie aufgestellt hat, sind eigentlich hinf&auml;llig, wie etwa die Unterscheidung zwischen Kom&shy;battanten und Nicht-Kombattanten, was f&uuml;r die bellum-iustum-Theorie von entscheidender Be&shy;deutung ist. Antje Vollmer, evangelische Theologin und ehemalige Vizepr&auml;sidentin des Deut&shy;&shy;schen Bundestages, die das sehr gr&uuml;ndlich analysiert hat, kommt zu dem Schluss, dass mit der Einf&uuml;hrung der Drohnen und ihrem massenweisen Einsatz, wie er derzeit erfolgt, alle Schritte, die einen Krieg verhindern oder zumindest eind&auml;mmen sollten, in Frage gestellt wer&shy;den. Das Gegenteil ist der Fall: Das rechtsstaatliche Normenverst&auml;ndnis und das Kriegsv&ouml;lker&shy;recht wer&shy;den dadurch v&ouml;llig untergraben. Kriegerische Gewalt geschieht derzeit schon wieder in einem v&ouml;llig rechtsfreien Raum, ohne jede Kontrolle und ohne Beachtung gesetzter Rah&shy;men&shy;bedin&shy;gun&shy;gen.\n<\/p>\n<p>\n\t&Ouml;kumene und Frieden\n<\/p>\n<p>\n\t2017 ist das erste Reformationsjubil&auml;um, das &ndash; zumindest in unserem kleineren Teil der Welt &ndash; in Frieden und weltweit im Zeitalter der &Ouml;kumene gefeiert wird. Heute gehen die Kirchen mit&shy;ein&shy;ander weltweit den Weg des gerechten Friedens. Dieser Weg unterscheidet sich grundle&shy;gend vom alten Konzept des gerechten Krieges. Evangelische Kirchen haben sich &#8211; wie in an&shy;de&shy;&shy;ren Fragen auch &#8211; in dieser Frage von den Positionen der Reformation und der Refor&shy;ma&shy;to&shy;ren verabschiedet. Gerechter Frieden umfasst mehr als den Schutz von Menschen vor un&shy;ge&shy;rech&shy;&shy;tem Einsatz von Gewalt. Es ist notwendig, dass die Waffen schweigen &ndash; aber das gen&uuml;gt nie. Sondern der Frieden schlie&szlig;t soziale Gerechtigkeit ein, die Achtung der Menschenrechte und Sicherheit f&uuml;r alle. Gerechter Frieden hat eine &ouml;kologische und soziale, eine politische und &ouml;ko&shy;nomische Dimension. Lediglich den Krieg zu verurteilen gen&uuml;gt nicht.\n<\/p>\n<p>\n\tDie Rede vom gerechten Krieg stammt bekanntlich aus dem antiken Griechenland. Ich brau&shy;che darauf nicht n&auml;her einzugehen. Die Vorstellung war, durch ethische Kriterien, die zu ver&shy;bind&shy;li&shy;chen Regelungen gemacht werden, das willk&uuml;rliche Kriegf&uuml;hren einzud&auml;mmen. Die Lehre vom gerechten Krieg hat etwa seit 1990, parallel zu den westlichen Interventionskriegen &ndash;&nbsp; zwei Mal im Irak, im Kosovo, in Afghanistan &ndash;&nbsp; eine Renaissance erlebt und ist in der heutigen Dis&shy;&shy;kussion wieder aktuell. Besonders angesichts des von den Vereinten Nationen entwickelten Kon&shy;zepts der Schutzverantwortung &ndash;&nbsp; der Responsibility to Protect &ndash; wird die Beachtung der Kriterien vom gerechten Krieg f&uuml;r eine sogenannte humanit&auml;re Intervention mit milit&auml;rischen Mit&shy;teln aus&shy;dr&uuml;cklich gefordert. Dennoch &uuml;berwiegt heute die Kritik an dieser &uuml;berkommenen Leh&shy;re. Kritikpunkte sind insbesondere folgende: Die Lehre vom gerechten Krieg hat historisch nie&shy;mals nach ihren Kriterien ungerechte Kriege verhindert oder Kriegsgewalt verringert. Sie sei an ein Kriegsbild aus der Zeit des Feudalismus gebunden und von der neuzeitlichen Entwicklung poli&shy;tisch (Nationalstaaten), gesellschaftlich (totale Vernichtungskriege) und milit&auml;&shy;risch durch Fern- und Massenvernichtungsmittel &uuml;berholt. Sie f&ouml;rdere, paradoxer Weise, sogar Krie&shy;ge, indem sie die Illusion einer moralisch zul&auml;ssigen Kriegf&uuml;hrung n&auml;hrt, obwohl sich Ge&shy;rech&shy;tigkeit und Frie&shy;de nie durch Krieg herstellen lassen. Und sie bewirke eine nicht sach&shy;ge&shy;rech&shy;te Moralisierung der internationalen Politik. Jede Kriegspartei beansprucht die gerechte Sa&shy;che f&uuml;r sich und setzt damit eine Gewaltspirale in Gang, in deren Verlauf sich jede Es&shy;ka&shy;la&shy;tion rechtfertigen l&auml;sst. In&shy;dem diese Theorie vom gerechten Krieg den Staatsf&uuml;hrungen das Recht zugesteht, Gewalt mit Ge&shy;walt zu beantworten, erkl&auml;rt sie gleichzeitig die Staats&shy;f&uuml;h&shy;run&shy;gen zu Richtern in eigener Sa&shy;che.\n<\/p>\n<p>\n\tAls im Jahr 1948 der &Ouml;kumenische Rat der Kirchen in Amsterdam gegr&uuml;ndet wurde, hie&szlig; es: &bdquo;Krieg soll um Gottes Willen nicht sein.&ldquo; Damit wurde der bis dahin unangefochten geltenden Lehre vom gerechten Krieg theologisch der Boden unter den F&uuml;&szlig;en weggezogen. Diese Ent&shy;wick&shy;lung hat sich beschleunigt durch das seit den 1950er Jahren einsetzende Wettr&uuml;sten mit atomaren Massenvernichtungsmitteln. &bdquo;Pacem in terris&ldquo; aus dem Jahr 1963 hat hier ein deut&shy;li&shy;ches Signal gesetzt, wo Papst Johannes XXIII eindringlich vor den Gefahren des atomaren Wett&shy;&shy;&shy;r&uuml;stens warnt, dessen Beendigung fordert, eine gleichzeitige kontrollierte Abr&uuml;stung ein&shy;fordert, und vor allem ein Verbot aller Atomwaffen unter Beteiligung aller, vor allem aller Men&shy;&shy;schen guten Willens. Er sah zwar in der schrecklichen Zerst&ouml;rungsgewalt der modernen Waf&shy;fen eine kriegsverh&uuml;tende Wirkung, hat also das Abschreckungskonzept noch &uuml;ber&shy;nom&shy;men, folgert aber daraus: &bdquo;Darum widerstrebt es in unserem Zeitalter, das sich r&uuml;hmt, Atom&shy;zeit&shy;alter zu sein, der Ver&shy;nunft, den Krieg noch als das geeignete Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu be&shy;trachten&ldquo;. Dennoch haben die Kirchen &ndash; katholisch wie evangelisch &ndash; noch lange Zeit daran festgehalten, die atomare Abschreckung als ein legitimes Mittel der Frie&shy;dens&shy;siche&shy;rung zu betrachten.\n<\/p>\n<p>\n\tSp&auml;testens seit den 1980er Jahren, dem Nachr&uuml;stungsbeschluss und der neuen Friedensbewe&shy;gung, hat sich in der &Ouml;kumene die &Uuml;berzeugung durchgesetzt, dass schon die Herstellung und Sta&shy;tionierung &ndash;&nbsp; und nicht erst der Einsatz &ndash;&nbsp; von atomaren Massenvernichtungsmitteln ein Ver&shy;bre&shy;&shy;chen gegen die Menschheit darstellt. Die &ouml;kumenische Weltkonferenz in Vancouver 1983 hat alle Vorbehalte und Kompromissformeln fallen gelassen. Die Erprobung, Herstellung und An&shy;dro&shy;hung von Massenvernichtungsmitteln sind ein Verbrechen an der Menschheit. Sie stehen im Wi&shy;der&shy;spruch zum Glauben an Jesus Christus. Atomare Abschreckung ist moralisch un&shy;vertret&shy;bar, weil ihre Glaubw&uuml;rdigkeit darauf beruht, dass der Einsatz von Atomwaffen tats&auml;chlich be&shy;ab&shy;sichtigt ist. Heute sehen wir, dass daran gearbeitet wird, neben der Abschreckungswirkung von Atomwaffen auch ihre Einsatzm&ouml;glichkeiten in kleineren, regionalen und vermeintlich be&shy;grenzbaren Konflikten zu &uuml;berlegen. Die Realit&auml;t des Krieges hat sich ebenfalls grundlegend ge&shy;&auml;ndert. Ich habe schon erw&auml;hnt, dass das Versagen der Vereinten Nationen bei der Ver&shy;hin&shy;de&shy;rung des V&ouml;lkermordes in Ruanda 1994 zur Entwicklung dieses Konzepts der Schutzverantwor&shy;tung (Responsibility to Protect) gef&uuml;hrt hat, dem dann im Jahr 2005 die Mitgliedsstaaten der UNO zustimmten. Dieses Konzept sieht als letztes Mittel auch ein milit&auml;risches Eingreifen von au&szlig;en vor. Wenn ein Staat nicht mehr in der Lage ist, die Sicherheit der eigenen Bev&ouml;lkerung zu ga&shy;rantieren bzw. selbst diese Sicherheit in Frage stellt, w&auml;re nach dem R2P-Konzept ein Ein&shy;grei&shy;&shy;fen von au&szlig;en &ndash; mit UNO-Mandat &ndash; legitim.\n<\/p>\n<p>\n\tDie Erfahrungen mit solchen Interventionen, wie etwa im Irak, Kosovo, Afghanistan oder Libyen, wecken gro&szlig;e Zweifel. Die Frage, ob eine Politik, die die grunds&auml;tzliche M&ouml;glichkeit solcher In&shy;ter&shy;&shy;ventionen bewusst einschlie&szlig;t, auch aus christlicher Sicht vertretbar sein kann, hat vor eini&shy;gen Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen gef&uuml;hrt, vor allem im Blick auf den Schutz der be&shy;&shy;drohten Minderheiten im Irak und in Syrien vor der Gewalt des Islamischen Staates. Selbst Papst Franziskus ist da als ein vorsichtiger Bef&uuml;rworter eines Eingreifens unter UNO Mandat zitiert worden. Kirchen schlie&szlig;en offensichtlich den Einsatz rechtserhaltender milit&auml;rischer Gewalt nicht v&ouml;llig aus. Auch wenn sie wissen, dass milit&auml;rische Mittel keinen Frieden gewinnen k&ouml;n&shy;nen. Allerdings sind sie der festen &Uuml;berzeugung, dass eine unerl&auml;ssliche Bedingung daf&uuml;r immer die Autorisierung durch die kollektiven Sicherheitssysteme, in erster Linie der Vereinten Na&shy;tio&shy;nen, ist. Im Aufruf zum gerechten Frieden des &Ouml;kumenischen Rates der Kirchen aus dem Jahr 2011 hei&szlig;t es dazu: &bdquo;Es gibt Extremsituationen, in denen der rechtm&auml;&szlig;ige Einsatz von Waffen&shy;ge&shy;walt als letzter Ausweg und kleineres &Uuml;bel notwendig werden kann, um gef&auml;hrdete Bev&ouml;lke&shy;rungsgruppen zu sch&uuml;tzen, die unmittelbaren t&ouml;dlichen Gefahren ausgesetzt sind. Doch selbst dann sehen wir den Einsatz von Waffengewalt in Konfliktsituationen sowohl als Zeichen schwer&shy;wiegenden Versagens wie auch als zus&auml;tzliches Hindernis auf dem Weg zu einem ge&shy;rech&shy;ten Frie&shy;den an.&ldquo; Die Kirchen betonen also, dass auch solche Eins&auml;tze humanit&auml;rer Inter&shy;ven&shy;tio&shy;nen ein Ausdruck des &bdquo;Schuldigseins&ldquo; sind und nie mit gutem Gewissen erfolgen k&ouml;nnen. Die prim&auml;&shy;ren Aufgaben der Kirchen &ndash; und das wird auch deutlich &ndash; sind die wirksame humanit&auml;re Hil&shy;fe f&uuml;r die Opfer der Gewalt und die St&auml;rkung jener Kr&auml;fte politischer Vernunft, die sich f&uuml;r eine ge&shy;walt&shy;freie L&ouml;sung der Konflikte und eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.\n<\/p>\n<p>\n\tAber es ist ein aktuelles ethisches Dilemma &ndash; ist der Einsatz milit&auml;rischer Gewalt in Extremsi&shy;tua&shy;tio&shy;nen legitim oder nicht? Dieses Dilemma hat eine Rolle gespielt in einem Dialog, der uns wie&shy;der ein bisschen zur&uuml;ck f&uuml;hrt auf das Thema der Reformation. Dieser Dialog wurde n&auml;mlich ge&shy;f&uuml;hrt zwischen der R&ouml;misch-Katholischen Kirche und den Mennoniten. Die Mennoniten sind eine alte, aus der Reformation stammende t&auml;uferische Kirche und geh&ouml;ren heute zu den klassi&shy;schen Friedenskirchen mit einem grunds&auml;tzlichen Pazifismus. Das Konzept, das die beiden Ge&shy;spr&auml;chs&shy;partner dort entwickelt haben, ist das Konzept des &bdquo;Just Policing&ldquo; &ndash; gerechter Polizei&shy;ein&shy;satz. Just Policing &ndash; gerechtes polizeiliches Handeln. Man hat dieses Konzept als L&ouml;sung vorge&shy;schlagen, um auf der einen Seite das Ideal der Gewaltfreiheit mit der Anforderung der interna&shy;tio&shy;nalen Schutzverantwortung in irgendeiner Form in Einklang zu bringen. Im Fokus dieses An&shy;sat&shy;zes steht das Ziel der Gewaltminimierung. So w&uuml;rden sich Polizeieinheiten, meint man, auf&shy;grund ihres Aufgabenprofils und Ihrer Ausstattung deutlich vom Milit&auml;r unterscheiden. Umso bedenk&shy;li&shy;cher ist, dass wir heute immer mehr &Uuml;berschneidungen zwischen den beiden Sicher&shy;heits&shy;ap&shy;pa&shy;ra&shy;ten haben. Angestrebt werden, so hat Fernando Enns, einer der Wortf&uuml;hrer der men&shy;no&shy;ni&shy;ti&shy;schen Kirchen und der Friedensbewegung, formuliert, nicht ein Sieg &uuml;ber andere. Das ist nicht die Aufgabe der Polizei. Sondern es geht darum, gerechte win-win-L&ouml;sungen zu er&shy;m&ouml;g&shy;li&shy;chen, und das mit geringstm&ouml;glicher Zwangsaus&uuml;bung. Dieses Konzept des Just Policing wird von eini&shy;gen Vertretern und Vertreterinnen der Politikwissenschaft vertreten. Es fehlt die Zeit, das hier n&auml;her auszuf&uuml;hren. Nur soviel sei gesagt: Das Polizeirecht sieht, zumindest in der De&shy;mo&shy;kratie, ein prinzipielles T&ouml;tungsverbot vor, das auch f&uuml;r Rechtsbrecher gilt. Dagegen bein&shy;hal&shy;tet das hu&shy;ma&shy;nit&auml;re V&ouml;lkerrecht &ndash; konkret die Genfer Konvention &ndash; lediglich den Schutz von Nicht&shy;kom&shy;bat&shy;tan&shy;ten sowie von au&szlig;er Gefecht befindlichen Kombattanten. Man k&ouml;nnte eventuell auch im Blick auf die UNO-Charta von einem prinzipiellen T&ouml;tungsverbot ausgehen. Im Falle ge&shy;rechtfertigter Gegengewalt tritt die Differenz dann aber deutlich zutage. Dann ist das T&ouml;ten erlaubt und stellt mehr als eine nur finale M&ouml;glichkeit dar. Denn nicht jede Polizeigewalt ist gerecht &ndash; wir wissen es &ndash; und Policing nicht automatisch Just Policing. Die Aufgabe der Polizei nach diesem Konzept w&auml;&shy;re es, die friedliche, gemeinschaftliche Ordnung zu sichern oder wie&shy;der&shy;herzustellen. Das be&shy;in&shy;haltet auch, die Ursachen von Rechtsbruch zu identifizieren, zu ver&shy;stehen und zu bearbeiten. So kommt also einem Just Policing nicht nur eine reaktive, sondern vornehmlich auch pr&auml;ventive und vermittelnde Funktion zu. Die Anwendung von Gewalt ist dann auch nur ein Instrument, ein letztes, manchmal notwendig werdendes Mittel, aber kein dominanter modus operandi mehr.\n<\/p>\n<p>\n\tIch erw&auml;hne dieses Konzept, weil es mir interessant erscheint, dar&uuml;ber intensiver nachzuden&shy;ken. Aus dieser Diskussion ist ersichtlich, dass f&uuml;r die Kirchen der gerechte Friede kein Zustand ist, sondern ein Prozess, ein Weg. Folgerichtig hat die letzte Vollversammlung des &Ouml;kumeni&shy;schen Rates der Kirchen im Jahr 2013 in Busan in S&uuml;dkorea die Kirchen der Welt aufgerufen, auf einer gemeinsamen Pilgerreise zu Gerechtigkeit und Frieden miteinander unterwegs zu sein.\n<\/p>\n<p>\n\tSchlie&szlig;en m&ouml;chte ich mit einem Zitat aus der gemeinsamen Feier von Papst Franziskus und dem Pr&auml;sidenten des Lutherischen Weltbundes, Bischof Mounib Younan aus Jerusalem. Diese &ouml;ku&shy;&shy;me&shy;&shy;nische Feier hat am 31. Oktober 2016 in Lund in Schweden stattgefunden &ndash; und passt viel&shy;&shy;leicht auch ganz gut auf unsere Situation, auch wenn hier nur von Katholiken und Luthe&shy;ra&shy;nern die Rede ist.\n<\/p>\n<p>\n\t&bdquo;Wir beten zu Gott, dass Katholiken und Lutheraner f&auml;hig sein werden, gemeinsam das Evan&shy;ge&shy;lium Jesu Christi zu bezeugen, indem sie die Menschheit einladen, die gute Nachricht von Got&shy;tes Heilshandeln zu h&ouml;ren und zu empfangen. Wir bitten Gott um Eingebung, Ermutigung und Kraft, damit wir zusammenstehen k&ouml;nnen im Dienst und so f&uuml;r die W&uuml;rde und die Rechte des Men&shy;schen, besonders der Armen, eintreten, f&uuml;r die Gerechtigkeit arbeiten und alle Formen von Ge&shy;&shy;walt zur&uuml;ckweisen. Gott fordert uns auf, all denen nahe zu sein, die sich nach W&uuml;rde, Ge&shy;rech&shy;tig&shy;keit, Frieden und Vers&ouml;hnung sehnen. In besonderer Weise erheben wir heute unsere Stimme f&uuml;r ein Ende der Gewalt und des Extremismus, die so viele L&auml;nder und Gemeinschaften so&shy;&shy;wie unz&auml;hlige Schwestern und Br&uuml;der in Christus betreffen. Wir fordern Lutheraner und Ka&shy;tho&shy;liken zur Zusammenarbeit auf, um den Fremden aufzunehmen, denen zu Hilfe zu kommen, die wegen Krieg und Verfolgung zur Flucht gezwungen zur Hilfe zu kommen, und die Rechte der Fl&uuml;chtlinge und der Asylsuchenden zu verteidigen.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Bischof Dr. Michael B&uuml;nker, evang. Kirche A.B.: Beitrag zum Studientag von Pax Christi &Ouml;sterreich: &bdquo;Frieden in Gerechtigkeit. Unser Beitrag zum Reformationsjahr 2017&ldquo;, Linz, 3. M&auml;rz 2017 Reformation: Zweihundert Jahre Krieg? Wenn man auf die Reformationszeit zur&uuml;ckblickt, f&auml;llt die Bilanz im Blick auf den Frieden mehr als ern&uuml;chternd aus. 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