{"id":8529,"date":"2019-04-24T12:42:20","date_gmt":"2019-04-24T10:42:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.paxchristi.at\/?p=8529"},"modified":"2019-04-24T12:43:52","modified_gmt":"2019-04-24T10:43:52","slug":"notre-dame-und-europa-ostergedanken-von-willibald-feinig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=8529","title":{"rendered":"Notre Dame und Europa &#8211; Ostergedanken von Willibald Feinig"},"content":{"rendered":"<p>Drei Tage sind vergangen, das Faktum bleibt, das ungaubliche, Notre-Dame ist abgebrannt. Schluss mit Pr\u00e9verts Chanson de la Seine, wo es hei\u00dft<br \/>\nUnd eifers\u00fcchtig, streng und unger\u00fchrt<br \/>\nSchaut Notre-Dame<br \/>\nVon der H\u00f6he seiner vielen Steine<br \/>\nNeidisch auf die Seine.<!--more-->Ein Brand, der fast niemanden unber\u00fchrt l\u00e4sst (au\u00dfer manchen Bewohner des Internet, der virtuellen Welt), selbst Aufbegehrende nicht, und solche, die die Uhr zur\u00fcckdrehen wollen, Sie nicht und mich nicht: Woher kommt diese R\u00fchrung, und wie ist sie zu deuten? &#8211; Einem Feuerwehrmann bedeutet ja Gotik schwerlich besonders viel, oder einem H\u00e4ndler. Symbol \u2013 Tr\u00e4ger einer F\u00fclle verschiedener Bedeutungen, Zentralobjekt aus Malraux&#8216; Mus\u00e9e imaginaire \u2013 o.k., aber warum r\u00fchrt uns gerade das Schicksal dieser Steine so? Die Frage stellt sich mir nicht als Christ, der ich zu sein versuche, als Katholik, sondern als B\u00fcrger Europas.<br \/>\nIch bin \u00fcberzeugt, Notre-Dame in Paris wie auch viele andere Kathedralen, gotisch oder romanisch oder was immer, \u00fcberall, ob in England, in einem der deutschsprachigen L\u00e4nder, in Italien oder in Osteuropa, sind, was sie sind, durch die Sorgfalt und das Genie der Auftraggeber wie der Architekten, Bauleute und K\u00fcnstler &#8211; nat\u00fcrlich. Bei n\u00e4herem Zusehen und in der Hauptsache aber als Produkt organisierten, geordneten, arbeitsteiligen Zusammenlebens. Wenigstens anf\u00e4nglich. Notre-Dame ist das, was greifbar, was geblieben ist von einer Cit\u00e9, einer Stadt. Diese umfasste das Viertel der Kanoniker (die in Gemeinschaft unter einer Regel lebten und eine Schule betrieben), den Bereich des &#8218;Aufsehers&#8216; (das Wort Bischof bedeutet nichts Anderes), den Bereich f\u00fcr Menschen in Not und Kranke (H\u00f4tel-Dieu = &#8218;Gottes Herberge und Gasthaus&#8216;) und die Basilika, Ort der Versammlung, Feier-, Gebetsort, Haus Gottes und des ganzen Volks. Solche Cit\u00e9s sind die Wiegen unserer Kathedralen. Den Notwendigkeiten der Gemeinschaft verdanken sie ihre (oft unerh\u00f6rte und anonyme) Sch\u00f6nheit (kennen Sie die Statuen, die vom einstigen Lettner erhalten sind, den Adam vor dem S\u00fcndenfall z.B.\u00a0?) Victor Hugo hat das gesp\u00fcrt, und Viollet-le-Duc auch, er hat ja nicht nur den originellen, nun zusammengebrochenen und anders, neu zu errichtenden Dachreiter gebaut, sondern auch das neue H\u00f4tel-Dieu.<br \/>\nIst es nicht das, was Notre-Dame uns zu sagen hat im Moment der (Beinahe)Zerst\u00f6rung, zusammen mit all den Schwestern von Mailand bis Canterbury, von Chartres oder V\u00e9zelay bis Prag oder Erfurt?<br \/>\nDamit etwas Bleibendes, Sch\u00f6nes, Wohl\u00fcberlegtes und Einheitsstiftendes (Widerborstige wird es immer geben) entstehen kann, braucht es<br \/>\na) gemeinschaftliches Leben, das organisiert sein will, autonom, und unweigerlich nicht zuletzt praxisorientierte Schulen umfasst, die auf vorgelebtem Beispiel und Aktualit\u00e4t beruhen;<br \/>\nb) es braucht starke, verantwortunsgvolle Kontrolle;<br \/>\nc) es braucht die sorgf\u00e4ltig organisierte Hilfe f\u00fcr die, die ihrer bed\u00fcrfen, f\u00fcr Asylsuchende wie f\u00fcr Kranke (der erste Patron der Basilika auf der \u00cele de la Cit\u00e9 war Stephanus, der Diakon (siehe S\u00fcdportal; das H\u00f4tel-Dieu stand ungef\u00e4hr dort, wo jetzt Karl der Gro\u00dfe hoch zu Ro\u00df sitzt; es waren die Domkapitulare, die nach und nach den Kult Marias einf\u00fchrten);<br \/>\nd) es braucht Sorgfalt und Solidit\u00e4t in \u00c4sthetik und Liturgie im weitesten Sinn (Liturgie = &#8218;Arbeit des Volkes&#8216;), das Gotteshaus selbst darf nicht leiden, es ist der Ort der Erneuerung, der Sammmlung, des Nachdenkens, Betens und des Austauschs.<\/p>\n<p>Das Paris von Notre-Dame ist nicht das Lutetia Parisiorum mit Therme und Theater am linken Seineufer, es ist eine Insel mit sch\u00fctzender Mauer, mit G\u00e4rten, die immer neu den Sandb\u00e4nken und S\u00fcmpfen entrissen werden zum Nutzen der Kranken und der Kanoniker. Ich will nichts verkl\u00e4ren oder besch\u00f6nigen \u2013 auch Villon hat auf der \u00cele de la Cit\u00e9 gelebt; ich will nur die Lehre ziehen (eine Lehre) aus dem Ungl\u00fcck. Es trifft uns in einem Jahr, das entscheidend f\u00fcr Europas Zukunft ist &#8211; und Notre-Dame ist ein europ\u00e4isches Symbol.<br \/>\nZwei Viertel der eben skizzierten menschenw\u00fcrdigen Cit\u00e9 scheinen mir heute besonders gef\u00e4hrdet in diesem Europa mit seinen kurzatmigen \u00f6konomischen Priorit\u00e4ten und seiner japsenden Innovation: Das geregelte und soweit m\u00f6glich autarke gemeinschaftliche Leben und damit das Schulwesen, das die effektive Weitergabe der Erfahrungen und Errungenschaften an die kommende Generation sichert, und vor allem die \u00ab\u00a0H\u00f4tel-Dieu\u00a0\u00bb-Funktion. Hier fehlt das Fundament, und daher bricht Hilfswilligkeit so schnell zusammen, \u00fcber Nacht. Schauen wir der Wahrheit ins Auge, dass alles Geschenk ist? Wenn ja (und anders gibt es kein Christentum; sein zweites Standbein hei\u00dft non-violence, Verzicht auf Missbrauch von Macht und Gewalt und auf Herrschaftsdrang), sind wir verpflichtet, die Opfer, die Zur\u00fcckgebliebenen am Rand unseres Wegs nicht liegen zu lassen. Keine Kathedrale ohne H\u00f4tel-Dieu!<br \/>\nVon der Aufsichts- und Kontroll-Funktion w\u00e4re auch zu reden; Michel Barnier hat m. E. in diesen letzten schwierigen Jahren ein Beispiel wirksamer Leitung gegeben, unspektakul\u00e4rer Arbeit hinter den Kulissen, die der Einheit dient. Vivant sequentes!<\/p>\n<p>Erlauben Sie, erlaubt bitte, dass ich an dieser Stelle die Br\u00fccke schlage zu dem, was dieses Oster-Schreiben in der Hauptsache transportieren wollte, bevor der Dachstuhl von Notre-Dame in Brand geriet \u2013 ich staune selbst, wie naheliegend es ist.<br \/>\nDer Freund von Freunden, St\u00e9phane Koch, der mit seiner Familie hoch oben im Pays welche in den Vogesen wohnt, zweisprachiger Volkswirtschaftler, Banker i.R., hat kompetente Europ\u00e4er, vor allem Spezialisten und Wissenschaftler mit Zivilcourage, um Beitr\u00e4ge gebeten, die von Nutzen sind f\u00fcr die Neuorientierung Europas. Derzeit scheint die Union ja wie blind herumzutappen in den Nebeln der Epoche des gleichgeschalteten Hyperindividualismus, wie taub auch f\u00fcr die Hifeschreie der Sch\u00f6pfung als ganzer, einerseits mit billiger Kritik \u00fcberh\u00e4uft, andererseits in einem Ritual des Selbstlobs gefangen.<br \/>\nDie Landwirtschaft, scheint es, ist das gr\u00f6\u00dfte Sorgenfeld: 70% (ich zitiere aus dem Ged\u00e4chtnis) des bebaubaren Bodens in Europa sind nicht mehr fruchtbar, und dass die gewaltigen Subventionen auf Dauer niemandem helfen, den Landwirten am wenigsten, leuchtet langsam allgemein ein: Das Ehepaar Lydia und Claude Bourguignon (F) und &#8211; aus einem anderen Blickwinkel &#8211; Martin von Mackensen (D) haben sich daher an eine Gesamtdarstellung einer nach-industriellen, nachhaltigen Landwirtschaft gemacht, wie sie die b\u00e4uerliche Avantgarde in Europa und dar\u00fcberhinaus bereits praktiziert, u.a. ankn\u00fcpfend an uraltes Wissen. Anton Gunzinger (ETH, Autor von \u00ab\u00a0Kraftwerk Schweiz\u00a0\u00bb) skizziert und plant die \u00c4nderungen in der Produktion und im Konsum von Energie, die n\u00f6tig sind, damit Europa selbst \u00fcber genug erneuerbare Energie verf\u00fcgt. Obwohl Ingenieur, steuert er als Schweizer auch interessante Beobachtungen und Vorschl\u00e4ge zum mangelnden F\u00f6deralismus in der EU bei. Wie in Kochs erstem vergriffenen EU-Buch, stellt Michael Braungart (Cradle to cradle) (D) sein Modell einer nachhaltigen Industrie und eines qualitativen (statt des bisherigen m\u00f6rderischen, abfallintensiven quantitativen) Wachstums vor \u2013 es ist inzwischen allgemein bekannt (oder sollte es sein). Maximilian Gege (D) liefert dazu das Modell privater und rentabler Finanzierung angesichts der \u00dcberforderung der \u00f6ffentlichen Hand. Beitr\u00e4ge von Fachleuten, aber verst\u00e4ndlich, reich an Beispielen und viele wirtschaftliche, soziale und politische Selbstverst\u00e4ndlichkeiten ersch\u00fctternd. Mein Beitrag zu dieser wichtigen Arbeit war die \u00dcbersetzung in beide Richtungen und die Formulierung der Vision einer \u00ab\u00a0Schule der Union\u00a0\u00bb. Die franz\u00f6sische Ausgabe erscheint demn\u00e4chst in Colmar (unter dem Titel Oser vraiment l&#8217;Europe (=Europa wirklich wagen), 208 Seite, 25 \u20ac, J. D. Bentzinger Editeur, www.editeur-livres.com). Die deutsche Ausgabe sollte bei Schwabe, Basel etc., rechtzeitig vor den Europawahlen erscheinen, in letzter Minute ist leider der Verleger abgesprungen \u2013 er hatte wohl Angst, das Buch w\u00e4re zu kritisch gegen\u00fcber den europ\u00e4ischen Institutionen, Haupt- und Nebenakteuren und gewohnheitsm\u00e4\u00dfigen Praktiken. Koch sucht einen neuen Verlag. Ich kann sein SOS eines europ\u00e4ischen Regenwurms nur empfehlen. Sollte jemand schon jetzt ein dringendes und berechtigtes Interesse an einer der \u00dcbersetzungen f\u00fcr den Eigengebrauch haben, m\u00f6ge er sich an mich wenden.<\/p>\n<p>Gesegnet seien alle, aus welcher Denkschule sie auch kommen m\u00f6gen, ob aus dem postsowjetischen Osten, oft schwer entt\u00e4uscht (sie haben wohl Wunder erwartet), ob aus Nord- oder Mitteleuropa (diesem einstigen Nazi-Terrain, das dank seiner erschreckenden Vergangenheit hoffentlich immunisiert ist), aus dem Westen, der sich von Narvik \u00fcber Coventry, Ypern, Verdun bis Guernica erstreckt, oder aus dem Mittelmeerraum \u2013 offen nach Afrika und dem Nahen Osten, kurz alle, die togetherness &amp; conversibleness praktizieren, um die Sprache zu verwenden, die zur lingua franca Europas und der Welt geworden ist und vorl\u00e4ufig bleibt &#8211; trotz der schlimmen Nachrichten aus UK und US, weit \u00e4rger als die vom Brand in Paris.<br \/>\nUnd verflucht die anderen, die wirklichen Frechen, deren Vergn\u00fcgen die Zerst\u00f6rung ist und die ihren Profit dabei haben \u2013 immer schon gehabt haben.<\/p>\n<p>Die Osterpost meiner Frau Betty enth\u00e4lt die Botschaft, die Jugendliche aus der ganzen Welt zu Ostern 1970 in Taiz\u00e9 formuliert haben (ein Jahr nach dem Aufenthalt meiner (Matura)Klasse in der Partnerschule in Paris). Hier ist sie, gleich aktuell wie damals. Sie wendet sich an die Kirche \u2013 die erst langsam realisiert, wie sie sich selbst besudelt hat, w\u00e4hrend sie gleichzeitig alte, der \u00c4nderung bed\u00fcrftige Usancen f\u00fcr sakrosankt erkl\u00e4rte. Und an Europa, von den D\u00e4monen der Spaltung und der Verd\u00e4chtigungen heimgesucht mehr denn je\u00a0:<br \/>\n\u201eDer auferstandene Christus kommt, um im Innersten des Menschen ein Fest lebendig werden zu lassen. Er bereitet uns einen Fr\u00fchling der Kirche: Einer Kirche, die \u00fcber keine Machtmittel mehr verf\u00fcgt, bereit, mit allen zu teilen, Ort sichtbarer Gemeinschaft f\u00fcr die ganze Menschheit. Er wird uns gen\u00fcgend Phantasie und Mut geben, einen Weg zur Vers\u00f6hnung zu bahnen. Er wird uns bereit machen, unser Leben hinzugeben, damit der Mensch nicht mehr Opfer des Menschen sei.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Geist ist es, generations\u00fcbergreifend, mutig, aber konstruktiv, der auch die oben vorgestellten Reformvorschl\u00e4ge f\u00fcr die EU inspiriert. Dieses innere Fest, ohne das es niemals Wunderwerke gegeben h\u00e4tte, wie Notre-Dame in Paris eines ist.<\/p>\n<p>Frohe Ostern\u00a0!<\/p>\n<p>Willibald Feinig<br \/>\nAltach (20042019)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Tage sind vergangen, das Faktum bleibt, das ungaubliche, Notre-Dame ist abgebrannt. 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