{"id":9157,"date":"2020-12-01T10:37:56","date_gmt":"2020-12-01T09:37:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=9157"},"modified":"2020-12-01T10:37:56","modified_gmt":"2020-12-01T09:37:56","slug":"gedanken-zum-terror-und-wie-darauf-reagieren-beitraege-von-christian-wolff-in-der-zeitschrift-kritisches-christentum-und-im-blog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=9157","title":{"rendered":"Gedanken zum Terror &#8211; und wie darauf reagieren? <br> Beitr\u00e4ge von Christian Wolff in der Zeitschrift &#8218;Kritisches Christentum&#8216; und im Blog"},"content":{"rendered":"<p>Christian Wolff:<br \/>\nGEDANKEN ZUM TERROR<br \/>\nDer evangelische Theologe und langj\u00e4hrige Pfarrer der Thomaskirche in Leipzig, Christian Wolff, betreibt auf seiner Internetseite (http:\/\/wolff-christian.de\/) einen Blog, in dem sich mit aktuellen Ereignissen auseinandersetzt und versucht, die christliche Botschaft im s\u00e4kularen Umfeld zu kommunizieren. So hat er sich in den letzten Wochen mit den islamistischen Anschl\u00e4gen \u2013 von Dresden \u00fcber Paris und Nizza bis Wien \u2013, insbesondere mit deren religi\u00f6ser Legitimierung, besch\u00e4ftigt.<!--more--><br \/>\nChristian Wolff hat der Ver\u00f6ffentlichung seiner Blogeintr\u00e4ge vom 23. 10. (\u201eVom Elend des Fudamentalismus\u201c) sowie vom 3. 11. (\u201eWieder Terror &#8211; und wieder die Frage: wie darauf reagieren?\u201c) in \u201eKC\u201c zugestimmt.<br \/>\nVOM ELEND DES FUNDAMENTALISMUS<br \/>\nBlog vom 23. Oktober 2020<br \/>\nDie grausame Enthauptung des franz\u00f6sischen Geschichtslehrers Samuel Paty auf offener Stra\u00dfe im Pariser Vorort Conflans-Saint-Honorine durch einen Islamisten und der t\u00f6dliche Messerangriff eines syrischen Islamisten auf zwei Touristen in Dresden am 4. Oktober 2020 legen schonungslos offen: Jede Form von Fundamentalismus ist nicht nur menschenfeindlich, Fundamentalismus ist der Vorhof des Terrorismus.\u00a0An solch horrenden Verbrechen gibt es nichts zu rechtfertigen oder zu besch\u00f6nigen. Wenn wir aber nun eine Debatte \u00fcber die Vorg\u00e4nge in Paris und Dresden f\u00fchren, dann haben wir sehr zu differenzieren zwischen dem gewaltt\u00e4tigen Fundamentalismus und der Ideologie, dem politischen Programm, der Religion, auf die er sich beruft. Denn das Wesen des politischen, religi\u00f6sen, moralischen Fundamentalismus besteht darin, dass\u00a0durch ihn anders denkende, anders glaubende Menschen in ihrer Integrit\u00e4t so entwertet werden, dass die Ausl\u00f6schung ihres Lebens als heldenhafte Tat gewertet wird. Im Fundamentalismus geht es eben nicht darum, die eigene Position und \u00dcberzeugung zu entwickeln, zu festigen und in einen \u00f6ffentlichen Diskurs einzubringen. Vielmehr werden die eigene Ideen- oder Glaubenswelt absolut gesetzt, und alle, die sich dort nicht beheimaten wollen bzw. diese ablehnen, als lebensunwerter St\u00f6rfaktor betrachtet. Man macht aus ihnen Ungeheuer, Geziefer, Untermenschen, Teufelsanbeter, die ihr Lebensrecht verwirkt haben. So wird jede Hemmung vor todbringender Gewalt ab- und die Br\u00fccke zum Terrorismus gebaut.<br \/>\nEs ist der Fundamentalismus, der so gef\u00e4hrlich ist \u2013 nicht aber der Islam, das Christentum, der j\u00fcdische Glaube, die Moral oder eine radikal links oder rechts ausgerichtete politische \u00dcberzeugung. Sie sind f\u00fcr sich genommen Teile der Vielfalt menschlichen Lebens. \u00dcber sie muss offen gestritten werden k\u00f6nnen. Darum sollten wir uns h\u00fcten, fundamentalistische Gewalttaten dazu zu missbrauchen, Religion, Politik, Moral als solche zu bek\u00e4mpfen. Gleichzeitig m\u00fcssen aber gerade Religionsgemeinschaften, insbesondere Kirchen und islamische Verb\u00e4nde, ihren Beitrag dazu leisten, dass sie offensiv und unaufgefordert den mit ihrem Glauben verbundenen oder den sich auf diesen Glauben berufenden Fundamentalismus eind\u00e4mmen. Sie sind vor allem aufgerufen, den Fundamentalismus grunds\u00e4tzlich zu \u00e4chten. Das schlie\u00dft ein, dass die eigene Vergangenheit darauf hin kritisch \u00fcberpr\u00fcft wird, wo die Kirche als Institution fundamentalistisch aufgetreten ist.<br \/>\nIn diesem Sinn verstehe ich die j\u00fcngsten \u00c4u\u00dferungen von Papst Franziskus zur Homosexualit\u00e4t als einen \u2013 zugegebenerma\u00dfen winzigen \u2013 Schritt in die richtige Richtung. Der Papst erkennt endlich die Realit\u00e4t der Homosexualit\u00e4t als legitime Lebens\u00e4u\u00dferung von Menschen an. Damit bricht er mit einer kirchlichen Praxis, Homosexualit\u00e4t als S\u00fcnde, Krankheit, Perversit\u00e4t zu betrachten und von Gesellschaften zu erwarten, diese Sicht zu \u00fcbernehmen. In fr\u00fcheren Zeiten f\u00fchrte das in den Kirchen dazu, Schwule und Lesben gewaltt\u00e4tig auszugrenzen und ihrer Vernichtung tatenlos zuzusehen (wie in der Nazizeit). Auch heute noch f\u00fchlen sich fundamentalistische Kreise aufgerufen, homosexuell Lebende mit Gewalt zu bedrohen oder Frauen, die abgetrieben haben, bzw. \u00c4rzte, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, an den Pranger zu stellen, gewaltt\u00e4tig zu \u00e4chten, zu terrorisieren. Darum ist es wichtig, dass die Institutionen, auf deren Glaubensgrundlagen sich Fundamentalisten in ihrem sch\u00e4ndlichen Tun berufen, klar stellen: Auch wer f\u00fcr sich Homosexualit\u00e4t f\u00fcr eine S\u00fcnde oder Perversit\u00e4t h\u00e4lt, auch wer f\u00fcr sich Schwangerschaftsabbruch als T\u00f6tungsdelikt wertet \u2013 Menschen, die den eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben nicht gen\u00fcgen, haben ein unver\u00e4u\u00dferliches Lebensrecht. Dieses muss gerade von Juden, Christen, Moslems ohne Wenn und Aber verteidigt werden. Gleiches gilt nat\u00fcrlich f\u00fcr die kritische Auseinandersetzung \u00fcber Glaubensg\u00fcter in einer freien und offenen Gesellschaft. Hier kann und darf es keine Beschr\u00e4nkungen geben \u2013 au\u00dfer denen, die durch das Strafrecht vorgegeben sind.<br \/>\nEs w\u00e4re viel geholfen, wenn wir uns in einer demokratischen Gesellschaft einig werden k\u00f6nnen: Der Fundamentalismus, also die Absicht, nicht nur andere \u00dcberzeugungen zu bek\u00e4mpfen, sondern den Andersdenkenden und Andersglaubenden zu vernichten, ist eine gro\u00dfe, Tod bringende Gefahr f\u00fcr das multireligi\u00f6se und multikulturelle Zusammenleben \u2013 und zerst\u00f6rt wie in Paris und Dresden Menschenleben und st\u00fcrzt die Angeh\u00f6rigen der Ermordeten in tiefes Leid. Gerade das muss uns wachr\u00fctteln.<\/p>\n<p>WIEDER TERROR \u2013 UND WIEDER DIE FRAGE: WIE DARAUF REAGIEREN?<br \/>\nBlog vom 3. November 2020<br \/>\nWieder ein schrecklicher Terroranschlag. Dieses Mal in Wien. Wieder einer, f\u00fcr den offensichtlich islamistisch eingestellte Menschen die Verantwortung tragen. Wie sollen wir mit einem so horrenden Verbrechen umgehen? Wie darauf als B\u00fcrger*in reagieren? Wie Orientierung finden? Was ist zu tun? Dazu sechs Anmerkungen:<br \/>\nWir m\u00fcssen als Erstes die Opfer in den Mittelpunkt stellen. Sie und die Angeh\u00f6rigen der Verletzten und Ermordeten sind diejenigen, die die ungeheure Last der Tat zu ertragen haben und darunter zum Teil ein Leben lang leiden. Darum geh\u00f6rt ihnen dauerhaft tatkr\u00e4ftige Anteilnahme, Schutz und materielle wie psychologische\/seelsorgerische Unterst\u00fctzung und Empathie.<br \/>\nDas Massaker von Wien wie die Attentate in Dresden, Paris und Nizza m\u00fcssen ohne jeden Vorbehalt, ohne jeden Anschein einer Rechtfertigung verurteilt werden. Keine Tat wird durch Hinweis auf noch schlimmere Verbrechen geringer oder ertr\u00e4glicher!<br \/>\nF\u00fcr die Tat sind nat\u00fcrlich zuerst und vor allem der bzw. die T\u00e4ter*innen verantwortlich. Dennoch muss bei ideologisch abgeleiteten Verbrechen auch das Umfeld der T\u00e4ter*innen ausgeleuchtet werden \u2013 in diesem Fall islamistische Gruppierungen in den St\u00e4dten, in denen Terroranschl\u00e4ge geplant und ideologisch abgesegnet werden.<br \/>\nEs kommt darauf an, dass diejenigen, die nichts mit diesen gewaltt\u00e4tigen Gruppierungen bzw. Einzelt\u00e4tern zu tun haben, die aber auch den Islam als ihre Glaubensgrundlage und religi\u00f6se Heimat ansehen, sich sehr klar und unmissverst\u00e4ndlich von solchen Gruppen und ihren Taten distanzieren und ihren Glauben gegen ewaltt\u00e4tige\u00a0Fundamentalisten\u00a0verteidigen. Das gilt aber nicht nur im Blick auf den Islam. Jede Religion muss klare Trennlinien zu denen ziehen, die den Glauben als ideologische Rechtfertigung von Verbrechen missbrauchen.<br \/>\nAlle, die von den Attentaten nicht unmittelbar betroffen sind, aber solche Taten als Angriff auf ihre Lebens- und Glaubensweise verstehen, sollten sich davor bewahren, von solchen Verbrechen auf \u2013 in diesem Fall \u2013 Menschen muslimischen Glaubens zu schlie\u00dfen und entsprechende Ausgrenzzungen vorzunehmen. Ich m\u00f6chte als evangelischer Christ auch nicht, dass von einem rechtsextremistischen Massenm\u00f6rder Anders Breivik, der sich 2011 beim Massaker in Oslo und auf der Insel Utoya auf das Christentum berief, auf den christlichen Glauben geschlossen und somit jeder Christenmensch als potentieller Terrorist angesehen und verd\u00e4chtigt wird.<br \/>\nVon allen Politiker*innen muss erwartet werden, dass sie sich nicht von den islamistischen resp. fundamentalistischen T\u00e4ter*innen auf die Ebene der Gewalt und des Krieges ziehen lassen. Darum ist es mehr als widersinnig und h\u00f6chst gef\u00e4hrlich, wenn der franz\u00f6sische Innenminister G\u00e9rald Darmanin davon spricht, dass\u00a0\u201ewir \u2026 uns jetzt im Krieg gegen den Islamismus (befinden)\u201c. Wer so redet, g\u00f6nnt den Terroristen einen enormen ideologischen Erfolg. Denn genau das suchen und wollen sie: Krieg.<br \/>\nSchlussfolgerung:\u00a0Gerade weil die Terroristen mit brachialer Gewalt alle Grundwerte der Religionen und des menschlichen Miteinanders bek\u00e4mpfen, sind im Kampf gegen den fundamentalistischen Terrorismus die Grundwerte wie Menschenw\u00fcrde, Freiheit, Gleichberechtigung, N\u00e4chstenliebe, R\u00fccksichtnahme, Gewaltlosigkeit die st\u00e4rksten Waffen! Sie auch in der Pr\u00e4vention entschlossen anzuwenden, trocknet langfristig gesehen jede Form von Fundamentalismus aus und bewahrt uns das, was Terroristen zerst\u00f6ren wollen.<br \/>\nChristian Wolff, 1949 in D\u00fcsseldorf geboren, studierte evangelische Theologie in Wuppertal und Heidelberg. Nach dem Vikariat trat er 1977 die Pfarrstelle an der Unionskirche in Mannheim-K\u00e4fertal an. Von 1992 bis 2014 war er Pfarrer an der Thomaskirche Leipzig, seit 1998 1. Pfarrer und Pfarramtsleiter. 2014 hat er die Initiative \u201eWillkommen in Leipzig \u2013 eine weltoffene Stadt der Vielfalt\u201c ins Leben gerufen, die sich f\u00fcr das Grundrecht auf Asyl, f\u00fcr eine menschenw\u00fcrdige Aufnahme\u00a0von Fl\u00fcchtlingen\u00a0und f\u00fcr eine multireligi\u00f6se und multikulturelle Stadtgesellschaft einsetzt.\u00a0Seit 2014\u00a0ist er als Blogger und Berater f\u00fcr Kirche, Politik und Kultur t\u00e4tig und h\u00e4lt\u00a0Predigten und Vortr\u00e4ge zu kirchlichen und gesellschaftspolitischen Themen im In- und Ausland. Christian Wolff hat mehrere B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht: darunter Osterweiterung. Leben im neuen Deutschland.\u00a0Evangelische Verlagsanstalt, 2. Auflage, Leipzig 2013 und Die Thomaskanzel. Orientierung zwischen Zweifel und Gewissheit.\u00a0Evangelische Verlagsanstalt, 2. Auflage, Leipzig 2004. 2017 ver\u00f6ffentlichte er zusammen mit Friedrich Schorlemmer das Memorandum \u201eReformation in der Krise \u2013 wider die Selbstt\u00e4uschung\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Wolff: GEDANKEN ZUM TERROR Der evangelische Theologe und langj\u00e4hrige Pfarrer der Thomaskirche in Leipzig, Christian Wolff, betreibt auf seiner Internetseite (http:\/\/wolff-christian.de\/) einen Blog, in dem sich mit aktuellen Ereignissen auseinandersetzt und versucht, die christliche Botschaft im s\u00e4kularen Umfeld zu kommunizieren. 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