{"id":9828,"date":"2022-09-05T17:51:49","date_gmt":"2022-09-05T15:51:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=9828"},"modified":"2022-09-27T15:45:58","modified_gmt":"2022-09-27T13:45:58","slug":"jaegerstaetter-gedenken-am-8-und-9-august-2022-in-st-radegund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=9828","title":{"rendered":"J\u00e4gerst\u00e4tter-Gedenken am 8. und 9. August 2022 in St. Radegund"},"content":{"rendered":"<div class=\"modTeaser\">\n<div class=\"swslang\">\n<h2 class=\"modTitle\">J\u00e4gerst\u00e4tter-Gedenken: Aus innerer \u00dcberzeugung handeln \u2013 auch wenn es das Leben kostet<\/h2>\n<p><strong>Anl\u00e4sslich des 79. Todestages des seligen Franz J\u00e4gerst\u00e4tter fand am 8. und 9. August 2022 in St. Radegund das j\u00e4hrliche internationale Gedenken statt, an dem \u00fcber 100 Personen teilnahmen.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"modBody\">\n<div class=\"swslang\">\n<p>Der Vortrag von Franz Josef Tremer \u00fcber den NS-M\u00e4rtyrer Pater Franz Reinisch zeigte deutliche Parallelen zur Gewissensentscheidung von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter auf. Wie J\u00e4gerst\u00e4tter zu dieser Entscheidung gelangte, verdeutlicht ein neueres Textdokument, das 2021 in St. Radegund aufgetaucht ist und das beim Gedenken von Andreas Schmoller, Leiter des Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Instituts der KU Linz, pr\u00e4sentiert wurde. Propst Johann Holzinger bezeichnete M\u00e4rtyrer wie J\u00e4gerst\u00e4tter und Reinisch in seiner Predigt beim Gedenkgottesdienst als \u201eder Welt zugewandte Menschen, die noch sp\u00fcrten, was die Welt wirklich braucht, wenn sie ihre Konflikte und Probleme l\u00f6sen will\u201c.<\/p>\n<p>Der Innviertler Landwirt und Familienvater Franz J\u00e4gerst\u00e4tter hatte sich aus Glaubensgr\u00fcnden geweigert, mit der Waffe f\u00fcr das Nazi-Regime in den Krieg zu ziehen. Daraufhin wurde er vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen \u201eWehrkraftzersetzung\u201c zum Tod verurteilt und vor 79 Jahren, am 9. August 1943, in Brandenburg an der Havel durch Enthauptung hingerichtet.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDas j\u00e4hrliche J\u00e4gerst\u00e4tter-Gedenken wird von der christlichen Friedensinitiative Pax Christi und der Pfarre St. Radegund organisiert. Es begann am Abend des 8. August mit einem Abendgebet in der Kirche von St. Radegund. Zum eigentlichen Gedenktag am 9. August kamen \u00fcber 100 Personen aus \u00d6sterreich, Deutschland, der Schweiz und Italien. Unter den Teilnehmenden waren u. a. die J\u00e4gerst\u00e4tter-T\u00f6chter Maria Dammer, Aloisia Maier und Rosalia Sigl sowie weitere Familienmitglieder, Andreas Schmoller und Verena Lorber vom Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Institut der KU Linz, Pastoralamtsdirektorin Gabriele Eder-Cakl, Mitglieder des J\u00e4gerst\u00e4tter-Beirats und Mitglieder von Pax Christi und eine Pilgergruppe junger Erwachsener.<\/p>\n<h2>Franz Reinisch und Franz J\u00e4gerst\u00e4tter als \u201eBr\u00fcder im Geiste\u201c<\/h2>\n<p>Am Vormittag referierte im Pfarrheim Tarsdorf um 9.30 Uhr der\u00a0<strong>Theologe Franz Josef Tremer<\/strong>\u00a0aus Fuchsstadt (Bayern) \u00fcber\u00a0<strong>Leben und Sterben des Kriegsdienstverweigerers Pater Franz Reinisch<\/strong>. Dabei wurden die Parallelen zwischen Pater Franz Reinisch und Franz J\u00e4gerst\u00e4tter deutlich, die beide aus ihrem Glauben heraus die Entscheidung trafen, den Dienst mit der Waffe zu verweigern.<\/p>\n<p>\u201eIch denke, rede und handle nicht, was und weil es andere denken, reden, handeln, sondern weil das meine innere \u00dcberzeugung ist\u201c: Dieses Zitat charakterisiert die Geisteshaltung des Pallottinerpaters Franz Reinisch. Er wurde am 1. Februar 1903 in Feldkirch \/ Vorarlberg geboren und wuchs in Innsbruck auf. Nach der Matura 1922 studierte er zun\u00e4chst Jus in Innsbruck, dann Jus und Gerichtsmedizin in Kiel. 1923 kam es bei ihm zu einer Lebenswende: Er machte vierw\u00f6chige Exerzitien in der N\u00e4he von Basel, von denen er zwei Vors\u00e4tze mitnahm, die seine Gewissensbildung entscheidend pr\u00e4gten: \u201e1. Ich will immer aufmerksam auf die Stimme Gottes in meinem Herzen und in meinem Gewissen h\u00f6ren. 2. Ich will immer der Anregung der Gnade Gottes treu folgen.\u201c Er verlie\u00df Kiel und begann in Innsbruck mit dem Studium der Philosophie und Theologie. 1925 zog er nach Brixen ins Priesterseminar und studierte dort Theologie. Im Seminar kam er in Kontakt mit dem Pallottinerorden. 1928 wurde er in Innsbruck zum Priester geweiht und trat in Untermerzbach in den Orden der Pallottiner ein; 1930 legte er seine Ordensprofess ab. Bei seiner T\u00e4tigkeit in der Jugenderziehung in Augsburg lernte er die Bewegung von Sch\u00f6nstatt kennen und lieben. Sein priesterliches Leben war von vielen Ortswechseln gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Reinisch-Forscher Tremer \u00fcber die Anf\u00e4nge von Janischs Widerstand gegen das NS-Regime: \u201eBereits 1934 in Friedberg hatte er sich kritisch \u00fcber das politische System in Deutschland ge\u00e4u\u00dfert. 1936, nach seiner Versetzung nach Bruchsal in Baden, ereignete sich ein erster Zusammensto\u00df mit der geheimen Staatspolizei, weil Reinisch einen politischen Witz \u00fcber Minister Goebbels machte.\u201c Reinisch habe Hitler sehr bald durchschaut: \u201eDer Zeuge Ernst Wendl, damals Brudernovize in Friedberg, hat best\u00e4tigt, dass Reinisch schon 1934 (!) die Nazis als \u201aVerbrecher\u2018 bezeichnet hat. Im M\u00e4rz 1939 in Mannheim, in seinen Vortr\u00e4gen \u201aGeht hinaus in alle Welt! Unser missionarischer Auftrag\u2018 macht er einige Aussagen, die auch politisches Gewicht hatten und die auf seine geistige Freiheit verwiesen.\u201c Reinisch habe sich allm\u00e4hlich zu einem Christen entwickelt, der mehr Gott als den Menschen gehorcht habe. Ein Vortrag 1940 in Winzeln (Schwaben) hatte zur Folge, dass Reinisch von der Gestapo ein Rede- und Predigtverbot auferlegt wurde, was ihn als Priester nur noch bedingt einsatzf\u00e4hig machte.<\/p>\n<p>In Wegscheid erreichte Reinisch am 1. M\u00e4rz 1942 der Einberufungsbefehlt f\u00fcr den 14. April. In der Zeit vor der Einberufung hatte er im Freundeskreis erkl\u00e4rt: \u201eAuf das deutsche Volk kann ich den Fahneneid leisten, aber auf einen Mann wie Hitler nie.\u201c Tremer erl\u00e4uterte: \u201eEr kommt mit Absicht erst am 15. April nach Bad Kissingen, wo er sich in der Kaserne zu melden hat, und dort beginnt er langsam seine Hingabe zu vollziehen. Er verweigert den Fahneneid auf Hitler und wird deshalb in Bad Kissingen verhaftet. Seine Lebensentscheidung kommt in Konflikt mit der Politik und wird als Wehrkraftzersetzung angesehen. So wird die Theologie von Franz Reinisch politisch-praktisch.\u201c Im April 1942 fand die erste kriegsgerichtliche Vernehmung statt, am 7.\/8. Mai wurde der Priester von Bad Kissingen nach Berlin-Tegel gebracht. Dort kam er in Kontakt mit dem Gef\u00e4ngnispfarrer Heinrich Kreutzberg, der sp\u00e4ter auch Franz J\u00e4gerst\u00e4tter begleiten sollte. Kreutzberg ermutigte ihn, seine Gedanken aufzuschreiben. Er begleitete Reinisch geistlich bis zu dessen Abreise am 11. August zum Hinrichtungsort nach Brandenburg\/Havel. Die Gef\u00e4ngnisnotizen wurden sp\u00e4ter in zwei B\u00e4ndchen herausgegeben: \u201eIm Angesicht des Todes \u2013 Tagebuch aus dem Gef\u00e4ngnis\u201c und \u201eGeheimnis der gekreuzigten Liebe \u2013 Meditation in der Gef\u00e4ngniszelle\u201c.<\/p>\n<p>Tremer \u00fcber die Spiritualit\u00e4t von Reinisch: \u201eFranz Reinisch wei\u00df und glaubt, dass er sich mit seiner Widerstands- und Verweigerungstat in die letztliche Gottesgeborgenheit \u00fcbergibt. Die Geborgenheit sp\u00fcrt er zum Beispiel bei der Meditation des Kreuzweges Jesu und beim Lesen der Heiligen Schrift.\u201c So habe Reinisch gegen\u00fcber seinem Gef\u00e4ngnisseelsorger Pfarrer Kreutzberg bei dessen Besuch am 3.7.1942 im Gef\u00e4ngnis Berlin-Tegel bekannt: \u201eIch greife immer wieder zum N. T., es ist voll Saft und Kraft. Wenn ich einmal schwere Stunden hier habe, dann greife ich zu meiner Bibel. In 10 Minuten bis zu einer viertel Stunde hat sich das st\u00fcrmische Herz vollst\u00e4ndig beruhigt. Das ist mein Trostbuch.\u201c<\/p>\n<p>Reinisch sei zwar ein Kriegsdienstverweigerer, \u201eaber keiner, der nicht f\u00fcr sein Heimatland k\u00e4mpfen w\u00fcrde, er ist ein Verweigerer des Fahneneides auf den Verbrecher Hitler und die Naziverbrecher. Er ist kein absoluter, sondern mehr ein relativer oder bedingter Kriegsdienstverweigerer\u201c, wie Tremer betont. Nach einer zweiten kriegsgerichtlichen Vernehmung in Berlin fand am 7. Juli die Hauptverhandlung vor dem Reichskriegsgericht in Berlin-Charlottenburg statt, bei der Reinisch wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tod verurteilt wurde \u2013 ein Urteil, das erst 1991 aufgehoben werden sollte. Am 21. August 1942 wurde Franz Reinisch im Gef\u00e4ngnis Brandenburg-G\u00f6rden an der Havel durch das Fallbeil hingerichtet \u2013 mit demselben Fallbeil, durch das sp\u00e4ter auch Franz J\u00e4gerst\u00e4tter starb. Reinischs Urne ist in Sch\u00f6nstatt in der Di\u00f6zese Trier begraben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Tremer sind Reinisch und J\u00e4gerst\u00e4tter \u201eBr\u00fcder im Geiste\u201c: \u201eBeide hatten den gleichen Gef\u00e4ngnisseelsorger, Heinrich Kreutzberg, und dieser hat J\u00e4gerst\u00e4tter 1943 eine gro\u00dfe Freude gemacht als er ihm vom Schicksal und der Gewissensentscheidung des Franz Reinisch erz\u00e4hlt hat.\u201c W\u00e4hrend Franz J\u00e4gerst\u00e4tter am 26. Oktober 2007 seliggesprochen wurde, steht bei Reinisch die Seligsprechung noch aus. In den 1990 Jahren begann ein Seligsprechungsprozess in Augsburg unter Bischof Stimpfle, der dann von dessen Nachfolger aufgegeben wurde. Am 28. Mai 2013 wurde in Trier der Seligsprechungsprozess feierlich er\u00f6ffnet; nun liegen die Akten in Rom. Postulator ist Pater Heribert Niederschlag von den Pallottinern. Reinisch selbst wollte keine Heiligsprechung f\u00fcr sich, wei\u00df Tremer: \u201eAls sein Gef\u00e4ngnisseelsorger, bei seiner Verabschiedung einige K\u00e4rtchen von Reinisch signieren lassen wollte, sagte dieser nach dem Schreiben: \u201aMachen Sie aber keinen Heiligen aus mir.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" title=\"Franz Josef Tremer referierte \u00fcber den NS-M\u00e4rtyrer Pater Franz Reinisch \/ \u00a9 Martin Pilgram\" src=\"https:\/\/www.dioezese-linz.at\/img\/7f\/ab\/77b6c1877f73ca6ba48c\/Franz_Josef_Tremer_referierte__ber_den_NS-M_rtyrer_Pater_Franz_Reinisch-DSC05244.jpg\" alt=\"Franz Josef Tremer referierte \u00fcber den NS-M\u00e4rtyrer Pater Franz Reinisch \" width=\"560\" height=\"374\" align=\"\" border=\"\" \/><\/p>\n<p><span class=\"sweTitle9\">Der Theologe Franz Josef Tremer referierte\u00a0\u00fcber Leben und Sterben des Kriegsdienstverweigerers Pater Franz Reinisch.\u00a0\u00a9 Martin Pilgram<\/span><\/p>\n<h2>Wie J\u00e4gerst\u00e4tter auf die Idee kam, nicht einzur\u00fccken<\/h2>\n<p>Um 13.30 Uhr f\u00fchrte eine Fu\u00dfwallfahrt von Tarsdorf nach St. Radegund, wo um 16 Uhr eine Andacht zur Todesstunde von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter gefeiert wurde, die von Pax Christi gestaltet wurde.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend berichtete\u00a0<strong>Andreas Schmoller, Leiter des Franz &amp; Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Instituts (FFJI) der Katholischen Privat-Universit\u00e4t Linz<\/strong>, \u00fcber ein<strong>\u00a0j\u00fcngst gefundenes J\u00e4gerst\u00e4tter-Schriftst\u00fcck<\/strong>, das am 20. Mai 2022 im Rahmen der Langen Nacht der Forschung erstmals der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert worden war. Das Dokument war im September 2021 von Willhelm Peterlechner in St. Radegund dem FFJI \u00fcbermittelt worden. Peterlechner war im Rahmen von Recherchen zu einer H\u00f6fechronik in Nachlassmaterialien eines privaten Haushaltes zuf\u00e4llig darauf gesto\u00dfen. Es stammt also nicht aus dem Besitz der Familie oder n\u00e4heren Verwandtschaft J\u00e4gerst\u00e4tters, hat allerdings Bez\u00fcge zum Hof der Mutter von FranzJ\u00e4gerst\u00e4tter. Nach Begutachtung von Material, Schriftbild und Inhalt des Briefes stand zweifelsfrei fest, dass es sich tats\u00e4chlich um einen J\u00e4gerst\u00e4tter-Text handelt. Unter Umst\u00e4nden ist es einer der letzten Texte, den J\u00e4gerst\u00e4tter vor der Verhaftung am 2. M\u00e4rz 1943 verfasste. Das Schriftst\u00fcck selbst ist undatiert und enth\u00e4lt keine Verfasser- und Adressatenangaben. F\u00fcr eine Datierung Anfang 1943 (J\u00e4nner\/Februar, evtl. sogar nach Erhalt des Einberufungsbefehles am 23.2.1943) spricht die Erw\u00e4hnung des \u201eAnschlusses\u201c im M\u00e4rz 1938 als ein Ereignis, das bereits f\u00fcnf Jahre zur\u00fccklag. Der Inhalt des neu entdeckten Dokuments deckt sich in keinem Abschnitt mit bereits bekannten J\u00e4gerst\u00e4tter-Texten.<\/p>\n<p>Andreas Schmoller \u00fcber das Dokument: \u201eWir k\u00f6nnen von einem Text sprechen, der einige unbekannte Elemente im uns bekannten Schrifttum des Seligen Franz J\u00e4gerst\u00e4tters aufweist. Das Besondere an dem handgeschriebenen Text sind bereits die Einleitungsworte \u201aWie kam ich eigentlich auf die Idee nicht einzur\u00fccken.\u2018 Viele Schriften J\u00e4gerst\u00e4tters beginnen mit einer Frage. Sie sind stets Ausgangspunkt f\u00fcr eine Argumentation oder religi\u00f6se Er\u00f6rterung. Im neuen Text tritt eine andere Ebene in den Vordergrund, n\u00e4mlich die zeitliche Abfolge: Wie und wann haben die Gedankeng\u00e4nge ineinandergriffen, so dass schlie\u00dflich f\u00fcr J\u00e4gerst\u00e4tter klar war, dass die Wehrdienstverweigerung moralisch richtig ist und auch nicht der katholischen Lehre widerspricht? So beginnt J\u00e4gerst\u00e4tter damit, dass er vor einem Jahr in etwa mit der Angst erf\u00fcllt war, wieder einr\u00fccken zu m\u00fcssen. Sein Ausgangspunkt war dabei, dass es religi\u00f6s geboten ist, der weltlichen Obrigkeit grunds\u00e4tzlich zu gehorchen, auch wenn diese nicht christlich sei. Dass es keine S\u00fcnde sein kann, wenn er dem Befehl zur Einberufung nicht folgen w\u00fcrde, verdankte J\u00e4gerst\u00e4tter dem Wirken Gottes: \u201aAls ich aber meine Zuflucht zu Gott nahm, [\u2026] schickte er mir aber dadurch Rettung \u2026\u2018\u201c F\u00fcr J\u00e4gerst\u00e4tter-Biografin Erna Putz betone und unterstreiche J\u00e4gerst\u00e4tter in dieser Aufzeichnung die spirituelle Dimension seiner Entscheidung und gebe damit detaillierter als in \u00e4hnlichen Stellen die inneren K\u00e4mpfe und gedanklichen Schritte wieder, die zu seiner Verweigerung des Kriegsdienstes in der Deutschen Wehrmacht gef\u00fchrt h\u00e4tten, so Schmoller.<\/p>\n<p>Eine Best\u00e4tigung des neuen Gedankens habe J\u00e4gerst\u00e4tter wenig sp\u00e4ter gefunden, als neue Plakate angebracht wurden, wonach der Beitritt zur Hitlerjugend eine gesetzliche Pflicht f\u00fcr Kinder zwischen 10 und 18 Jahren war. Damit war f\u00fcr ihn der Beweis erbracht, dass der Nationalsozialismus nicht nur Partei war, sondern auch den Staat und seine Gesetzgebung v\u00f6llig durchdrungen hatte. \u201eWenn man also auch solches zum Gesetze machen kann, so wurde mir die Sache immer klarer\u2026\u201c<\/p>\n<p>Im zweiten Teil des Textes, der gedanklich nicht immer leicht mitzuverfolgen sei, kehrten Elemente wieder, die von J\u00e4gerst\u00e4tter bereits bekannt seien. Dennoch sto\u00dfe man auch hier auf \u00dcberraschungen, wie Schmoller betont: \u201eJ\u00e4gerst\u00e4tters Grundgedanke dabei: Da nicht die deutsche Volksgemeinschaft, sondern \u00d6sterreich unser Vaterland ist, befinden wir uns seit dem \u201aAnschluss\u2018 im M\u00e4rz 1938 in Gefangenschaft. Dass nun Gefangene gleich nach der Niederlage bzw. Gefangennahme f\u00fcr eine neue Macht k\u00e4mpfen sollen und dies dann immer damit legitimiert sei, dass man ja nur der weltlichen Autorit\u00e4t folgen m\u00fcsse, sei schwer vorzustellen und eigentlich auch historisch un\u00fcblich. Neu ist in diesem Zusammenhang auch, dass Franz J\u00e4gerst\u00e4tter als Illustration den Tiroler Freiheitsk\u00e4mpfer Andreas Hofer anf\u00fchrt, der nach seiner Niederlage auch nicht aufgefordert wurde, nun f\u00fcr die Franzosen zu k\u00e4mpfen.\u201c<\/p>\n<p>Das Textende sei ein weiterer Beleg daf\u00fcr, dass J\u00e4gerst\u00e4tter kein absoluter Wehrdienstverweigerer war, sondern sich an der traditionellen Lehre vom gerechten Krieg orientierte. Die NS-Kriege als \u201aVaterlandsverteidigung\u2018 umzuinterpretieren, habe er vehement abgelehnt. \u201eDas h\u00e4tten wir h\u00f6chstens so betrachten k\u00f6nnen, wenn wir vor f\u00fcnf Jahren vom Kanzler Schuschnigg zum Kampfe aufgefordert\u201c [Text bricht hier ab] Schmoller: \u201eMilit\u00e4rischer Widerstand im M\u00e4rz 1938 gegen den \u201aAnschluss\u2018 h\u00e4tte definitorisch als Verteidigungskrieg gegolten und h\u00e4tte somit ein Fall sein k\u00f6nnen, wo J\u00e4gerst\u00e4tter bereit gewesen w\u00e4re zu k\u00e4mpfen. Der Verteidigungsfall ist ein Kriterium der Lehre des gerechten Krieges. Die Einf\u00fcgung \u201ah\u00f6chstens\u2018 weist aber darauf hin, dass J\u00e4gerst\u00e4tter hier eine Einschr\u00e4nkung macht. Denn: nicht jeder Verteidigungskrieg ist sogleich ein gerechter Krieg. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen weitere Bedingungen erf\u00fcllt sein, etwa die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Zum Wert des Dokuments f\u00fcr die Forschung meint Institutsleiter Andreas Schmoller: \u201eDer neue Text wirft unser J\u00e4gerst\u00e4tter-Bild klarerweise nicht \u00fcber den Haufen. Der Inhalt steht im eindeutigen Gleichklang mit den bekannten J\u00e4gerst\u00e4tter-\u00dcberlegungen zum gerechten Krieg, zum anti-christlichen Charakter des NS-Regimes und dem Verh\u00e4ltnis zwischen religi\u00f6ser und weltlicher Obrigkeit. Dennoch erh\u00e4lt das neue Dokument eine eigene Bedeutung f\u00fcr die J\u00e4gerst\u00e4tter-Forschung.\u201c Spannend sei dies vor dem Hintergrund einer internationalen Entwicklung. Nach 1945 habe die katholische Tradition des Gehorsams im Bereich des Wehrdienstes zu br\u00f6ckeln begonnen: \u201eDer einzelne Laie war im Grunde genommen nicht berechtigt, selbst zu beurteilen, ob ein Krieg \u201aungerecht\u2018 oder \u201agerecht\u2018 war, er sollte lediglich der weltlichen Autorit\u00e4t gehorchen, wenn die Kirche dazu nicht anders motivierte. Gegen diese Tradition regte sich in den verschiedenen katholischen L\u00e4ndern mehr und mehr Widerstand. Und die Argumente und Beispiele, die dabei von Katholiken vorgebracht wurden, glichen dabei frappant jenen, die J\u00e4gerst\u00e4tter in diesem Text verwendete.\u201c<\/p>\n<p>Diese innerkatholische Auseinandersetzung habe es gebraucht, damit die katholische Kirche langsam, aber doch die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgr\u00fcnden zu akzeptieren begann. Schmoller: \u201eJ\u00e4gerst\u00e4tter war ein wichtiger Baustein hierf\u00fcr. Es war kein Zufall, dass sein Beispiel beim Zweiten Vatikanischen Konzil durch Bischof Thomas Roberts Erw\u00e4hnung fand.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" title=\"Andreas Schmoller, Leiter des Franz &amp; Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Instituts (FFJI) der Katholischen Privat-Universit\u00e4t Linz, \u00fcber ein j\u00fcngst gefundenes J\u00e4gerst\u00e4tter-Schriftst\u00fcck \/ \u00a9 Martin Pilgram\" src=\"https:\/\/www.dioezese-linz.at\/img\/43\/2e\/ae5ca7ff5cacc6276f7a\/Andreas_Schmoller__Leiter_des_Franz___Franziska_J_gerst_tter_Instituts__FFJI__der_Katholischen_Privat-Universit_t_Linz___ber_ein_j_ngst_gefundenes_J_gerst_tter-Schriftst_ck-DSC05301.jpg\" alt=\"Andreas Schmoller, Leiter des Franz &amp; Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Instituts (FFJI) der Katholischen Privat-Universit\u00e4t Linz, \u00fcber ein j\u00fcngst gefundenes J\u00e4gerst\u00e4tter-Schriftst\u00fcck \" width=\"560\" height=\"374\" align=\"\" border=\"\" \/><\/p>\n<p><span class=\"sweTitle9\">Andreas Schmoller, Leiter des Franz &amp; Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter Instituts (FFJI) der Katholischen Privat-Universit\u00e4t Linz, pr\u00e4sentierte ein j\u00fcngst gefundenes J\u00e4gerst\u00e4tter-Schriftst\u00fcck.\u00a0\u00a9 Martin Pilgram<\/span><\/p>\n<h2>\u201eDer Welt zugewandte Menschen, die noch sp\u00fcrten, was die Welt wirklich braucht\u201c<\/h2>\n<p>Den abschlie\u00dfenden\u00a0<strong>Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche St. Radegund<\/strong>\u00a0feierte<strong>\u00a0Johann Holzinger, Propst des Stiftes St. Florian<\/strong>, mit den Teilnehmenden. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst vom Kirchenchor der Pfarre. Mit Holzinger feierten u. a. der St. Radegunder Pfarrer Markus Menner, Altpfarrer Josef Steinkellner, Pfarrer Franz Strasser (Altheim), Maximilian Mittendorfer und die Diakone Johann Niederreiter (St. Radegund) und Karl Mayer (Dorf an der Pram). In seiner Predigt wies Holzinger auf die bleibende Aktualit\u00e4t der Schicksale von Pers\u00f6nlichkeiten wie Franz J\u00e4gerst\u00e4tter und Pater Franz Reinisch hin: \u201eDie beiden tragen nicht nur die gleichen Taufnamen, manches in ihrer Pers\u00f6nlichkeit scheint parallel zu sein, waren sie doch beide keine weltfremden Sonderlinge, sondern der Welt zugewandte Menschen, die noch sp\u00fcrten, was die Welt wirklich braucht, wenn sie ihre Konflikte und Probleme l\u00f6sen will. Sie machten beide auf den Widersinn aufmerksam, den Gewalt verursacht, ob sie k\u00f6rperlich Menschen an Leib und Leben geht, Familien uns\u00e4gliches Leid zuf\u00fcgt wie der Frau von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter und seiner Familie, oder auch wie heute versteckt und anonym Menschen mit Hass \u00fcbersch\u00fcttet, sodass sie sich nicht mehr wehren k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>M\u00e4rtyrer seien \u201ef\u00fcr die entfesselten Despoten und Systeme Widerspenstige\u201c und \u201edie in den Augen der Menschen Kleingemachten \u2013 darum sind sie die Gro\u00dfen im Himmelreich\u201c, so Holzinger. Gerade in Krisenzeiten leuchte das Licht von M\u00e4rtyrern noch heller. Der Propst des Stifts St. Florian schlug inhaltlich die Br\u00fccke zwischen J\u00e4gerst\u00e4tter und dem hl. Florian, der im Jahr 304 in Lauriacum (Lorch\/Enns) f\u00fcr seinen Glauben hingerichtet wurde. Der Moment, in dem Franz J\u00e4gerst\u00e4tter seine Klarheit gefunden habe, sei jenem Moment auf der Ennsbr\u00fccke im Jahr 304 \u00e4hnlich, als der hl. Florian \u2013 den M\u00fchlstein schon um den Hals \u2013 noch eine Stunde gebetet hatte. Holzinger w\u00f6rtlich: \u201eDas war seine \u00d6lbergstunde, in der er Klarheit gefunden hat, dass sein Weg richtig ist. Wie viele Menschen haben derzeit solche \u00d6lbergstunden? Wo brennt es ihnen schon wie Feuer in ihrem Inneren, welchen Weg sie gehen sollen? Unsere heutigen Zeiten sind dazu angetan, \u00e4u\u00dferste Wachsamkeit zu zeigen. M\u00f6gen wir also nicht zu den J\u00fcngern geh\u00f6ren, die am \u00d6lberg schlafen.\u201c<\/p>\n<p>Schlusspunkt des Gedenkens war die Lichtfeier am Grab von Franz und Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter.<\/p>\n<\/div>\n<p>Artikel entnommen aus: <a href=\"https:\/\/www.dioezese-linz.at\/site\/jaegerstaetter\/home\/news\/article\/212274.html\">Gedenken 2022: Aus innerer \u00dcberzeugung handeln \u2013 auch wenn es das Leben kostet (dioezese-linz.at)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=B8EZPDFehfg\">Link zu einem Video des Vortrags von Franz Josef Tremer<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00e4gerst\u00e4tter-Gedenken: Aus innerer \u00dcberzeugung handeln \u2013 auch wenn es das Leben kostet Anl\u00e4sslich des 79. Todestages des seligen Franz J\u00e4gerst\u00e4tter fand am 8. und 9. August 2022 in St. Radegund das j\u00e4hrliche internationale Gedenken statt, an dem \u00fcber 100 Personen teilnahmen. 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