{"id":9953,"date":"2023-01-16T16:25:13","date_gmt":"2023-01-16T15:25:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=9953"},"modified":"2023-01-16T16:26:23","modified_gmt":"2023-01-16T15:26:23","slug":"eappi-ist-wieder-zurueck-in-israel-und-palaestina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.paxchristi.at\/?p=9953","title":{"rendered":"EAPPI ist wieder zur\u00fcck in Israel und Pal\u00e4stina!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong><a href=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/c-Foto-EAPPI_EA-Alejandro-_-Jerusalem-Silwan-Kunstrpojekt-I-Witness-Silwan-300x200-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-9954 alignright\" src=\"https:\/\/www.paxchristi.at\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/c-Foto-EAPPI_EA-Alejandro-_-Jerusalem-Silwan-Kunstrpojekt-I-Witness-Silwan-300x200-1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a>Eine \u00d6kumenische Begleiterin berichtet von ihren pers\u00f6nlichen Erfahrungen in Jerusalem<\/strong><\/p>\n<p>Das \u00d6kumenische Begleitprogramm in Pal\u00e4stina und Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates musste Anfang 2020 coronabedingt unterbrochen werden. Die anwesenden Begleiter:innen wurden evakuiert, 2020 und 2021 gab es keine internationale Pr\u00e4senz in Pal\u00e4stina und erst Anfang 2022 konnte das Programm wieder starten. <!--more-->Als die Grenzen wieder ge\u00f6ffnet wurden und der Beschluss gefasst wurde, dass das Programm weitergeht, musste alles sehr schnell gehen, die erste kleine Gruppe kam und hatte die schwierige Aufgabe des Neustarts. Jetzt ist bereits die dritte Gruppe hier, der Tagesablauf hat sich eingespielt und es ist eine gro\u00dfe Hilfe, vom Vorg\u00e4ngerteam das Know how zu \u00fcbernehmen. Vorl\u00e4ufig sind wir in f\u00fcnf Orten t\u00e4tig, n\u00e4mlich in Jerusalem, Bethlehem, Hebron, Jericho und South Hebron Hills. Ob die anderen Placements aus Vor-Corona-Zeiten wieder ge\u00f6ffnet werden k\u00f6nnen, h\u00e4ngt vor allem vom finanziellen Faktor ab.<\/p>\n<p>Das Programm besteht seit 20 Jahren und betreut rund 300 gr\u00f6\u00dfere und kleinere Gemeinschaften. Es gibt keine andere NGO in Pal\u00e4stina, die so viele Orte betreut. Vielen internationalen NGOs wurde von Israel die T\u00e4tigkeit verboten, das hei\u00dft, sie wurden des Landes verwiesen, und es ist fast ein Wunder, dass EAPPI in 20 Jahren nicht von diesem Schicksal betroffen wurde. Jack Munayer, der B\u00fcroleiter in Jerusalem, meint, dass es zum einen daran liegt, dass es sich um ein Programm des Weltkirchenrats (WCC) handelt, und zum anderen, dass unsere Aktivit\u00e4ten eher beobachtend und dokumentierend und nicht direkt aktivistisch sind. Das ist f\u00fcr einige Teilnehmer:innen manchmal ein wenig unbefriedigend, aber diese vorsichtige Haltung hat es erlaubt, dass das Programm 20 Jahre aktiv sein konnte.<\/p>\n<p>In den zwei Jahren der fehlenden internationalen Pr\u00e4senz sind die Vorf\u00e4lle stark angestiegen. So gab es z.B. bis 2016 pro Jahr durchschnittlich 600 Abrisse von baulichen Strukturen, ab 2020 stiegen diese auf \u00fcber 800 an. Dasselbe trifft f\u00fcr Angriffe von Siedler:innen zu. Diese statistischen Zahlen zeigen, dass unsere Pr\u00e4senz vor Ort wichtig ist. Aber auch die Anwesenheit von Tourist:innen hat laut B\u00fcroleiter Jack eine deeskalierende Wirkung. Die schweren \u00dcbergriffe in Sheikh Jarrah, die Schlie\u00dfung des Damaskus-Tores und der letzte Gaza-Krieg im Mai 2021 w\u00e4ren eventuell nicht passiert, wenn Menschen aus aller Welt hier gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Menschen, die wir besuchen, sagen immer wieder, dass sie sich sicherer f\u00fchlen, wenn wir hier sind. Eine weitere wichtige Aufgabe eines\/einer \u00f6kumenischen Begleiter:in besteht darin, zu Hause davon zu berichten, was man mit eigenen Augen gesehen hat. Wir sind ein wenig wie Zeug:innen der Verletzung von Menschenrechten von Pal\u00e4stinenser:innen in unseren Herkunftsl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ich bin jetzt bereits seit 20. August in Pal\u00e4stina, zusammen mit weiteren 23 Personen aus Brasilien, Ecuador, England, Frankreich, Schweden, Norwegen, Finnland und Deutschland. Eine Person aus S\u00fcdafrika durfte nicht einreisen, eine Person aus Ecuador erhielt sein Visum vorl\u00e4ufig nur f\u00fcr sechs Wochen. Israels Haltung ist sogar in unserer kleinen Gruppe deutlich sichtbar: S\u00fcdafrikaner:innen und S\u00fcdamerikaner:innen sind nicht willkommen, die k\u00f6nnten ja als Migrant:innen hierbleiben, aber wei\u00dfe Europ\u00e4er:innen sind willkommene G\u00e4ste.<\/p>\n<p>Ich bin in Jerusalem stationiert, obwohl ich lieber in den D\u00f6rfern mit den Hirten unterwegs bin, muss ich nat\u00fcrlich dort arbeiten, wo man mich braucht. In Jerusalem richten wir unser Augenmerk vor allem auf die Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit durch die Checkpoints und die rasant ansteigende Siedler:innenkolonisierung. Weiters nehmen wir an friedlichen Demonstrationen teil, beobachten die Zug\u00e4nge zu den Gebetsst\u00e4tten und sind sch\u00fctzende Begleitung f\u00fcr die in der Peripherie von Jerusalem lebenden Beduinen-Familien.<\/p>\n<p>Diese Beduin:innen wurden seit 1948 bereits zwei oder drei Mal vertrieben und stehen wieder unter der Bedrohung der gewaltsamen Vertreibung, denn Israel m\u00f6chte ihre Weidegebiete f\u00fcr Siedlungserweiterungen, neue Siedlungen und Stra\u00dfenbau konfiszieren. Jedes Mal, wenn sie einen kleinen Zubau f\u00fcr die Tiere errichten oder gar wagen, eine \u00e4rmliche Unterkunft f\u00fcr eine neugegr\u00fcndete Familie zu bauen, werden diese zerst\u00f6rt. Aber sowohl in Jabal al Baba als auch in Khan al Ahmar \u2013 das sind die D\u00f6rfer, die wir am h\u00e4ufigsten besuchen \u2013 sagen die Menschen: \u201cSelbst wenn sie 50 mal unsere Geb\u00e4ude zerst\u00f6ren, wir bauen sie wieder auf.\u201c<\/p>\n<p>Silwan, ein dicht besiedeltes Viertel s\u00fcdlich der Al Aqsa Moschee, ist extrem bedroht, steinreiche Siedlerorganisationen setzen alles daran, die H\u00e4user der Pal\u00e4stinenser:innen zu \u00fcbernehmen. F\u00fcr 87 H\u00e4user gibt es einen Abriss-Befehl, die meisten Menschen haben ihre F\u00e4lle bis zum Obersten Gerichtshof gebracht, die Urteile sind noch ausst\u00e4ndig, aber leider ist es in den meisten F\u00e4llen so, dass die israelischen Richter:innen zugunsten der Siedler:innen entscheiden. Auch wenn die Pal\u00e4stinenserInnen unz\u00e4hlige g\u00fcltige Dokumente \u00fcber ihr Eigentum vorweisen, gibt es immer ein \u00b4Rechtsargument\u00b4, damit sie den K\u00fcrzeren ziehen. Die ISF (Israeli Security Forces) machen immer wieder n\u00e4chtliche Razzien in Silwan und nehmen Jugendliche fest. Es gab ein Protestcamp von solidarischen Menschen, dieses wurde aber ger\u00e4umt. Die Menschen von Silwan haben in einem alten Haus ein Kinderbegegnungszentrum eingerichtet. Am Nachmittag k\u00f6nnen die Kinder dort spielen, lernen, Theater machen und tanzen. Dadurch kommen die Kinder von der Stra\u00dfe weg, sie sind weniger gef\u00e4hrdet und haben einige Stunden die M\u00f6glichkeit, nur Kind zu sein. Wir schlie\u00dfen unsere Rundg\u00e4nge in Silwan mit dem Besuch dieses Zentrums ab.<\/p>\n<p>Ein ziemlich neuer \u00b4hot spot\u00b4 ist das Dorf An Nabi Samwil (=Samuel). Das Grab des Propheten Samuel soll sich angeblich hier befinden. Ein sch\u00f6nes altes Kloster steht hier, jetzt ist es zur H\u00e4lfte Moschee und zur anderen H\u00e4lfte Synagoge. Das Dorf geh\u00f6rt zu Jerusalem, ist nur 15 Minuten von der Altstadt entfernt, aber die Menschen d\u00fcrfen nicht nach Jerusalem fahren und sind auch von der Grundversorgung durch die Stadt (Wasser, Abwasser, Elektrizit\u00e4t, Zugang zu Krankenh\u00e4usern etc.) ausgeschlossen. Ostjerusalem wurde 1967 besetzt und 1980 v\u00f6lkerrechtswidrig annektiert. Aber die israelischen Beh\u00f6rden haben sich nicht an die Gr\u00fcne Linie gehalten, sondern die Stadtgrenze von Jerusalem so bestimmt, dass Viertel oder D\u00f6rfer, die haupts\u00e4chlich von Pal\u00e4stinenser:innen bewohnt sind, hinter der Stadtgrenze liegen, also in der Westbank. Die Menschen von An Nabi Samwil d\u00fcrfen weder bauen noch H\u00e4user reparieren, die Siedler:innen behaupten, dass das Land ihnen geh\u00f6rt, die Menschen von An Nabi Samwil sollen endlich verschwinden und daher begannen vor einigen Monaten Proteste dagegen.<\/p>\n<p>Am ersten Freitag, an dem wir An Nabi Samwil besuchten, waren ca. 200 Siedler:innen anwesend, zusammen mit dem rechtsextremen Politiker Itamar Ben-Gvir. Sie kamen mit schwerer Polizei- und Armee-Begleitung, wir wurden zusammen mit den Pal\u00e4stinenserInnen abgedr\u00e4ngt und die Soldat:innen fotografierten unsere P\u00e4sse. Die Siedler:innen schrien wilde Parolen, das Hebr\u00e4ische verstehe ich ja nicht, aber der Tonfall allein war auch aussagekr\u00e4ftig. Die pal\u00e4stinensischen M\u00e4nner marschierten nach dem Freitagsgebet schweigend geschlossen aus der Moschee und an den Siedler:innen vorbei, die pal\u00e4stinensischen Frauen hielten gro\u00dfe Poster mit ihren Forderungen in die H\u00f6he. Unsere w\u00f6chentliche Pr\u00e4senz in diesem Ort ist wichtig und die Leute sind sehr froh \u00fcber unser Hiersein. Nach der Demo laden sie uns zu Kaffee, Tee und S\u00fc\u00dfigkeiten ein und erz\u00e4hlen \u00fcber ihr Leben.<\/p>\n<p>Zum Abschluss m\u00f6chte ich alle Leser:innen bitten, im Rahmen Eurer M\u00f6glichkeiten zu spenden. Denn das Weiterbestehen des Programmes h\u00e4ngt von internationaler finanzieller Hilfe ab. Ich w\u00fcrde viel lieber schreiben, dass das Programm eingestellt wird, weil es nicht mehr n\u00f6tig ist. Leider ist dem nicht so, leider wird die brutale Besatzung fortgesetzt mit den damit einhergehenden Menschen- und V\u00f6lkerrechtsverletzungen. Es bleibt zu hoffen, dass die internationale V\u00f6lkergemeinschaft endlich ein \u00b4Ya Basta\u00b4 = \u00b4Es reicht\u00b4 ausspricht. Die einfachen Menschen haben das zum Gro\u00dfteil schon getan, jetzt sind die Politiker:innen dran\u2026<\/p>\n<p><em>Die \u201e\u00d6komenische Begleiterin\u201c ist von August bis November bereits zum dritten Mal mit EAPPI im Einsatz, das in \u00d6sterreich von der Diakonie ACT Austria, dem Internationalen Vers\u00f6hnungsbund und Pax Christi koordiniert wird. (Steuerlich absetzbare) Spenden an EAPPI k\u00f6nnen auf das Konto der Diakonie Katastrophenhilfe: IBAN: AT85 2011 1287 1196 6333, BIC: GIBATWWXXX; Verwendungszweck: EAPPI, \u00fcberwiesen werden.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel erscheint in der Zeitschrift \u201aSpinnrad\u2018 Nr. 3\/22;\u00a0<a href=\"https:\/\/www.versoehnungsbund.at\/spinnrad\/\">https:\/\/www.versoehnungsbund.at\/spinnrad\/<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Foto (c) EAPPI_EA _ Jerusalem \u2013 Silwan \u2013 Kunstprojekt \u201aI Witness Silwan\u2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine \u00d6kumenische Begleiterin berichtet von ihren pers\u00f6nlichen Erfahrungen in Jerusalem Das \u00d6kumenische Begleitprogramm in Pal\u00e4stina und Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates musste Anfang 2020 coronabedingt unterbrochen werden. 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