17. März 2011, Kleine Zeitung: „Wellen, Wind und Kinder“, Gastkommentar von Kurt Remele zur Nuklearkatastrophe in Japan

Dr. Kurt Remele, Ethik-Professor an der Uni Graz und Vizepräsident von Pax Christi Österreich, hat einen Gastkommentar für die Kleine Zeitung zur Nuklearkatastrophe in Japan geschrieben.

Kurt Remele
über atomare Verstrahlung und moraltheologische Verblendung
erschienen in: Kleine Zeitung Nr. 75, 17. März 2011, S. 44

Wellen, Wind und Kinder

Bei den meisten Menschen rufen die Wörter „Wellen, Wind und Kinder“ angenehme Gefühle hervor: Erinnerungen an Sommerurlaube am Strand, als man selbst noch ein Kind war, oder an den Bau von Sandburgen mit den eigenen Kindern, an Meer, Sonne und Schwimmflügel.

Vor vielen Jahren habe ich den Sommerurlaub mit meiner Familie in der südenglischen Stadt Rye verbracht. Rye ist ein malerischer kleiner Ort mit kopfsteingepflasterten Gassen. Etwas außerhalb liegt ein schöner Sandstrand. Die idyllische Kombination von altem Städtchen und weitem Strand wurde allerdings durch einen Blick nach Süden schwer beeinträchtigt: Dort erblickte man die gespenstische Silhouette des gigantischen Atomkraftwerks von Dungeness. Dieses AKW wurde 1965 erbaut, der erste Reaktorblock wurde 2006 abgeschaltet. Im zweiten Reaktorblock hat es im November 2009 einen Störfall gegeben: Eine Kesselanlage brannte, das Feuer konnte aber nach einigen Stunden gelöscht werden. Nach Angaben des Betreibers wurde kein radioaktives Material freigesetzt.

Der Betreiber des AKW Fukushima im Nordosten Japans dagegen musste zugeben, dass durch die zahlreichen Explosionen und Brände und durch die (beginnende?) Kernschmelze eine beträchtliche Menge radioaktiven Materials freigesetzt wurde. Die Lage in Fukushima ist derzeit offenbar außer Kontrolle. Im Kontext der Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima, das wie Dungeness direkt am Meer liegt, haben sich die positiven Assoziationen zu „Wellen, Wind und Kinder“ grundlegend gewandelt: Aus dem Rauschen der Wellen wurde die Flutwelle des Tsunami. Aus der säuselnden Meeresbrise wurde jener Wind, der eine radioaktive Wolke nach Tokio bläst. Und aus den am Strand spielenden Kindern wurden jene verstrahlten japanischen Kinder, die in Zeltlagern leben, und all ihre Nachkommen, die sich Jahrzehnte, Jahrhunderte oder ein Jahrtausend lang nicht in die Nähe von Fukushima begeben dürfen.

Die Fragen, die sich einem theologischen Ethiker angesichts dieser Katastrophe stellen, sind zahlreich. Zwei davon haben besonderes Gewicht. Die erste betrifft meine eigene Zunft und lautet: Wie kann es sein, dass belesene, renommierte Moraltheologen, von denen ich einige persönlich kenne, die so genannte friedliche Nutzung der Kernenergie in elaborierten Abhandlungen ethisch gerechtfertigt haben oder nach wie vor rechtfertigen? Die zweite betrifft das Leitungsamt der katholischen Kirche. Sie lautet: Warum hat der Vatikan vehement und unablässig jede Form der künstlichen Empfängnisverhütung abgelehnt, Atomenergie aber noch im August 2007 als „saubere“(!?) Form der Energiegewinnung befürwortet?

Kurt Remele lehrt Ethik und christliche Gesellschaftslehre an der Universität Graz

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