Generalversammlung 2023 mit Studientag von Pax Christi Österreich

Am Freitag, 17. März und Samstag, 18. März trafen sich, wie jedes Frühjahr, Mitglieder und Interessierte von Pax Christi Österreich – diesmal wieder in Linz. Am Freitag stand die Generalversammlung am Programm, bei der Neuigkeiten und Berichte aus den verschiedenen Gruppen der Bewegung ausgetauscht wurden und über aktuelle Herausforderungen gesprochen wurde. Außerdem stand bei der Tagung im Linzer Priesterseminar die Wahl einiger Funktionen am Programm. Dabei wurde der Innsbrucker Universitätsprofessor Wolfgang Palaver für eine weitere Periode von vier Jahren als Präsident wiedergewählt. Zu seinen Stellvertreterinnen wurden Elisabeth Stibernitz von der Landesgruppe Tirol und Petra Lex von der Landesgruppe Steiermark gewählt. Die bisherigen Stellvertreter Adalbert Krims und Meinrad Schneckenleithner hatten nach langjähriger Tätigkeit diese Funktionen zurückgelegt. Das alte Statut aus dem Jahr 1994 wurde aktualisiert und wird der österreichischen Bischofskonferenz zur Bestätigung vorgelegt.

Am Samstag war der Studientag dem Thema „Friedensethik 60 Jahre nach Pacem in terris“ gewidmet. Fünf Referent:innen näherten sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven an und lieferten mit ihren Inputs Stoff zum Nachdenken und Diskutieren. Wolfgang Palaver, Präsident von Pax Christi Österreich und Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Innsbruck, betonte in seinem Statement die Aktualität von Pacem in terris angesichts des Kriegs in der Ukraine und der drohenden Gefahr eines Atomkriegs. Die 1963 veröffentlichte Sozialenzyklika widmete sich als erste ganz dem Thema Frieden und bereitete innerkirchlich den Weg für eine Ächtung des Krieges und der Entwicklung einer Strategie der Gewaltfreiheit. Palaver zeichnete die Entwicklung der kirchlichen Positionen zu Krieg und Gewaltfreiheit nach, angefangen beim Zweiten Vatikanischen Konzil bis zum gegenwärtigen Weckruf von Papst Franziskus, dass sich die Welt in einem „Dritten Weltkrieg in Stücken“ befinde.

Im zweiten Referat des Tages zeigte Lucia Göbesberger, Fachbereichsleiterin „Gesellschaft und Soziales“ und Umweltbeauftragte der Diözese Linz, die Verbindung zwischen Schöpfungsverantwortung und Friedensethik auf. Mit Hinweis auf die Utopie eines „Schöpfungsfriedens“ gehe es um die ehrliche Teilhabe der Menschen an der Schöpfung. Diese soll nicht als Nutzen, sondern als Geschenk betrachtet werden, mit dem verantwortungsvoll umgegangen werden muss. Mit Blick auf kriegerische Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre zeigte Göbesberger die Wechselwirkung von Klimawandel und Kriegen auf. Einerseits werden die Auswirkungen des Klimawandels (z.B. Mangel an Rohstoffen) zunehmend zu Kriegsursachen, andererseits bringen Kriege noch mehr Umweltzerstörung hervor.

Das Vormittagsprogramm beschloss Severin Renoldner, Professor für Ethik, Moraltheologie und politische Bildung an der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz mit einer friedensethischen und politischen Analyse des Ukrainekriegs. Er sieht seit dem Jahr 2010 einen Vormarsch der Diktaturen, in denen kein Platz für Toleranz ist. Konflikte friedlich und gewaltfrei sowie mithilfe von Verhandlungen zu lösen, wird dabei zunehmend schwieriger und führt zur Frage: Wie können Kriege gewaltfrei verhindert oder beendet werden, ohne die Gerechtigkeit aufzugeben? Als Lösungsvorschlag präsentierte Renoldner in zehn Punkten Möglichkeiten aus gewaltfreier Perspektive, aktiven Widerstand gegen Diktaturen zu leisten und sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.

Am Nachmittag setzte der Theologe Klaus Heidegger, Mitglied von Pax Christi Tirol und Vorsitzender der Katholischen Aktion der Diözese Innsbruck, mit seiner pazifistischen Sicht auf den Ukrainekrieg fort. Die starke Kritik, die dem Pazifismus seit Beginn des Ukrainekriegs entgegenkommt, ist für ihn nichts Neues und musste beispielsweise bereits Bertha von Suttner ertragen. Dass die Zeit für pazifistische Ideen für ihn noch lange nicht vorbei ist, unterstrich Heidegger mit dem Versuch einer Pazifismus-Definition anhand von acht Punkten. Pazifismus ist in diesem Sinn: widerständisch, antimilitaristisch, aktiv-kämpferisch, dialogisch, alternativ, verständnisvoll, gerechtfertigt und christlich. Der Impuls schloss mit dem Hinweis, dass der Gewaltverzicht Jesu ein zentraler Bestandteil des Christentums ist und Pazifismus damit ein Grundbestandteil unseres Glaubens und Wirkens.

Den Reigen der Referate schloss Martin Senn, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck, mit seinem Vortrag zur Zukunft der Neutralität aus europäischer und österreichischer Sicht ab. Er wies gleich zu Beginn auf das Spannungsfeld zwischen Neutralität und Solidarität hin, in dem sich Österreich seit den 1950er-Jahren befindet und arbeitete drei unterschiedliche Phasen heraus: In der ersten Phase bis in die 1980er Jahre, geprägt von einer umfassenden Neutralität löste Österreich diese Spannung durch den Vorrang der Neutralität auf. Die zweite, differentielle Phase, die bis in die 2000er-Jahre dauerte, brachte einen Paradigmenwechsel und den Vorrang einer solidarischen Position, sichtbar durch die Teilnahme Österreichs am UNO-Sicherheitsrat und dem EU-Beitritt. In den letzten 20 Jahren entwickelte sich eine zunehmend depolitisierte Haltung, geprägt von einer passiven und zurückhaltenden Rolle des Parlaments. Senn plädierte angesichts einer fehlenden Strategie für eine aktive Diskussion in Politik und Gesellschaft über die Rolle der Neutralität und die Frage, wie (solidarisch) Österreich in zukünftigen Anlassfällen reagieren sollte. Es brauche eine Neutralitätsdebatte, jedoch nicht automatisch zur Frage der Abschaffung, sondern über das Wesen und die Kultur der Neutralität.

In der abschließenden Debatte setzten sich die Teilnehmer:innen des Studientags nochmals mit den gehörten Inhalten auseinander, wobei vor allem die das Spannungsfeld Neutralität-Solidarität-Gewaltfreiheit für Diskussionen sorgte. Am Ende lief die Debatte auch auf die Frage hinaus, welche konkreten Aufgaben und Herausforderungen sich daraus für Pax Christi ergeben und wie die Botschaft der Gewaltfreiheit gestärkt werden kann.

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