Die Stimme erheben gegen das Unrecht, das täglich Millionen Menschen angetan wird!

Kaplan Franz Sieder

Die Stimme erheben gegen das Unrecht,
das täglich Millionen Menschen angetan wird!

Predigt beim Friedensgottesdienst von Pax Christi Wien sowie Christinnen und Christen für die Friedensbewegung am 26. Mai 2013 im Wiener Stephansdom

Am Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit wäre es angebracht über das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu predigen. Da wir aber dieses Geheimnis der immer göttlichen Einheit von Vater, Sohn und Heiliger Geist in seiner Tiefe nicht wirklich begreifen können, ist es sicher sinnvoller darüber nachzudenken, was der dreifaltige Gott von uns will – wozu er uns aufruft. Im heutigen Evangelium sagt uns Jesus: „Der Geist wird euch in die ganze Wahrheit einführen.“ Es stellt sich da für uns die Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“ Was ist die zentrale Botschaft von Gott an uns Menschen?

Niemand auf der Welt hat die Wahrheit für sich gepachtet – auch kein Papst und kein Bischof. Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit und der Heilige Geist wird uns helfen, dass wir der Wahrheit näherkommen. Wenn Jesus einmal gesagt hat: „Ich bin die Wahrheit“ – dann werden wir in die Wahrheit tiefer eindringen, wenn wir uns die Frage stellen: Was ist die Intention von Jesus? Um was ist es ihm wirklich gegangen und um was geht es ihm heute? Wir beten ja immer auch im „Vater unser“: „Dein Wille geschehe“

Der Theologe und Kurienkardinal Walter Kaspar schreibt in einem Buch folgendes: „Wenn ein Mensch, der die Evangelien überhaupt nicht kennt – wenn er sich daranmacht aus den Evangelien herauszusuchen und herauszufiltern, um was es diesen Jesus von Nazareth wirklich gegangen ist, dann ist es über alle Zweifel erhaben, dass es Jesus um das Werden des Reiches Gottes in unserer Welt gegangen ist. Dieses anbrechende Reich Gottes ist die Sache Jesu schlechthin – es ist der rote Faden, der sich durch die Evangelien hindurch zieht. Kaspar sagt dann auch gleich, was Jesus unter Reich Gottes verstanden hat. Er sagt: Im Verständnis von Jesus muss das Reich Gottes immer gesehen werden auf dem Hintergrund der großen Menschheitsfragen nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Freiheit, nach einem sinnvollen und menschenwürdigen Leben für alle Menschen unserer Erde.

 


 

Das, was für Jesus das wichtigste ist, das muss auch für die Christinnen und Christen sowie für die Pastoral seiner Kirche das wichtigste sein – nämlich der Einsatz für Friede und Gerechtigkeit. Die Kirche war zweifellos immer sehr stark in der Caritas, im Helfen von notleidenden Menschen, aber sie war eher schwach in der Gerechtigkeit. Bei der Gerechtigkeit geht es darum, Strukturen zu schaffen, wo Menschen nicht mehr unterdrückt und ausgebeutet werden, wo die Schere zwischen Arm und Reich nicht mehr auseinander geht – Strukturen, die es ermöglichen, dass alle Menschen auf unserer Erde menschenwürdig leben können. Das Wort „Friede“ bekommt auch sehr oft in der Liturgie des Gottesdienstes vor und wir geben uns sogar gegenseitig den Friedensgruß. Friede im Verständnis von Jesus ist aber mehr als der Friede im eigenen Herzen und oder Friede in der Familie. Friede ist auch mehr als Nicht-Krieg. Wahrer Friede hängt auch sehr stark mit der Gerechtigkeit zusammen. In einem Psalm heißt es sogar: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ Im Verständnis der internationalen katholischen Friedensbewegung Pax Christi könnte Friede folgendermaßen definiert werden: „Friede ist die fortschreitende Realisierung der demokratischen und sozialen Grundrechte aller Menschen.“

Ich freue mich, dass der neue Papst Franziskus I. in der Ausrichtung der Kirche auf diese Linie einschwenkt: Der Einsatz für die Gerechtigkeit und der Kampf gegen die Armut. Wenn wir nüchtern die Wirklichkeit unserer Welt sehn, dann sind wir aber von einem wirklichen Frieden und von wahrer Gerechtigkeit noch weit entfernt.

Wenn wir vom Einsatz für den Frieden sprechen, dann denken wir vorrangig an jene Länder, wo Krieg herrscht und wo täglich Menschen getötet werden – ans Syrien, an den Israel-Palästina-Konflikt, an den Irak oder an die Stammeskriege in Afrika. Das alles kann und darf uns nicht gleichgültig sein.

Ich möchte aber sagen, dass wir uns momentan in einem Kriegszustand befinden. Der Schweizer Sozialwissenschaftler Jean Ziegler sagt, dass alle fünf Sekunden auf unserer Welt ein Kind an Hunger stirbt. Ziegler sagt: „Diese Kinder sind nicht verhungert, sondern sie sind ermordet worden.“ Wenn diese Kinder ermordet werden, dann ist das Krieg – dann dürfen wir als Christinnen und Christen auch nicht Zuschauerinnen und Zuschauer spielen, sondern müssen diesem mörderischen Trieben ein Ende Setzen. Als der Fernsehreporter Jean Ziegler fragte, wer der Mörder dieser Kinder ist, da hat er keinen Namen genannt. Er sagte: „Das System ist der Mörder.“ Unser neoliberales Wirtschaftssystem ist der Mörder. Der Marktmechanismus in diesem System reagiert nicht nur auf Geld – er entscheidet auch über Leben und Tod von Menschen. Wer in diesem Markt nichts einzubringen hat, der / die ist uninteressant, der / die bleibt draußen und der / die kann verrecken. Millionen von Menschen in der Dritten Welt sterben auf den Schlachtfeldern des Kapitalismus. Er ist ein System, wo es um den Profit geht und nicht um den Menschen. Weltweit spielen wir auf einem schiefen Fußballfeld. Die Menschen in der südlichen Hemisphäre müssen bergauf spielen – die reichen Länder spielen bergab. Wir in Österreich gehören zweifellos zu jenen, die bergab spielen.

Es ist die Aufgabe der Kirche den Kapitalismus zu demaskieren und sein dämonisches und menschenverachtendes Treiben aufzuzeigen. Manche von Ihnen denken jetzt vielleicht: Wenn er den Kapitalismus so sehr ablehnt, dann plädiert er für den Kommunismus. Nein, ich bin nicht für den Kommunismus. Der Kommunismus, wie ihn die Oststaaten erlebt haben, ist schon deshalb hundertprozentig abzulehnen, weil er ein diktatorisches System ist. Jede Diktatur ist unchristlich und dem Geist Christi entgegenstehend. Eine Diktatur kann auch ohne Folterungen und ohne Hinrichtungen überhaupt nicht existieren. Wenn Diktaturen zusammenbrechen, dann ist das immer ein Wachstumsschub des Reiches Gottes in unserer Welt. Als Alternative zum Kapitalismus brauchen wir eine Wirtschaft, die den Menschen zum Ziel hat und nicht die Profitmaximierung. Wir brauchen eine Politik, die über die Wirtschaft dominiert und nicht umgekehrt und als Christinnen und Christen müssen wir eine Politik fordern, die nicht eine Politik für die Reichen ist, sondern – so wie es der Papst fordert – immer eine klare Option für die Armen und die Schwachen der Gesellschaft hat. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit und es gibt keine Gerechtigkeit ohne Grundsatz der Gleichheit aller Menschen unserer Erde.

Dietrich Bonhoeffer, der im KZ ermordet wurde, sagte damals: „Ihr habt erst dann das Recht, in den Klöstern und Domen Choräle zu singen, wenn wir auch laut schreit gegen das Unrecht, dass den Juden angetan wird.“

Analog zu dieser Aussage möchte ich heute sagen: Ihr habt erst dann das Recht schöne und feierliche Liturgien im Dom zu feiern, wenn Ihr zugleich eure Stimme erhebt gegen das Unrecht, das täglich Millionen von Menschen auf unserer Welt angetan wird.
 

(Kaplan Franz Sieder)

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