Seligsprechung von Carl Lampert am 13. November 2011

Pax Christi Mitglieder aus Vorarlberg und Tirol sowie der Kommission Franz Jägerstätter nahmen am 13. November 2011 an der Seligsprechungsfeier für Provikar Carl Lampert in der Pfarrkirche Dornbirn teil.

Bei der Vesper im Dom zu Feldkirch sprach Pfarrer Magnus Koschig aus Halle/Saale, Diözese Magdeburg, wo Carl Lampert am 13. November 1944 von den Nazis hingerichtet wurde:

„… Unversöhnlichkeit passt nicht in unsere christliche Gedenkkultur. So weit ich es übersehen kann, hat Carl Lampert niemanden aus der vergebenden Liebe ausgeschlossen. Wie schwer fällt es uns, denen zu vergeben, die zu DDR-Zeiten unsere Gemeinden bespitzelt haben! Wie schwer fällt es manchen, denen zu verzeihen, die in der NS-Zeit nicht den Mut der Martyrer hatten! Und wie schwer fällt es heute manchem über die Gräben zwischen links und rechts, konservativ und progressiv hinweg einander die Hände zu reichen! … Carl Lampert braucht nicht unsere Seligsprechung. Wir aber benötigen sein Zeugnis, um in den Auseinandersetzungen dieser Zeit die Orientierung nicht zu verlieren.“

Pfarrer Magnus Koschig aus Halle/Saale, Ansprache zur Vesper in Feldkirch am 12.11.2011

„Die Liebe stirbt nicht und ich trage sie zum Quell der Liebe, zu Gott.“ Das, liebe Gemeinde, ist einer von vielen Sätzen Carl Lamperts, der mir zeigt, warum er verehrt wird, warum sein Lebens- und Leidenszeugnis in all den Jahren seit seiner Hinrichtung nicht verstummt ist.

In Halle an der Saale, wo ich Pfarrer bin, begann dieses Gedenken bereits kurz nach seiner Hinrichtung. Einer meiner Vorgänger, Pfarrer Dr. Claus Herold berichtete über diese Anfänge in seinem Schülertagebuch: „Wenige Tage nach der Enthauptung der drei Geistlichen im Halleschen Zucht­haus nahm mich Kaplan Hugo Aufderbeck als Mini­strant nach einer Beerdigung auf dem Gertraudenfried­hof mit auf den Weg zu einem beson­deren Massen­grab. Dort flüsterte er mir zu: ‚Hier liegen in drei kleinen Holz­kästchen die Asche der vorige Woche zum Tode verurteil­ten, im Roten Ochsen hingerich­teten, katho­lischen Priester. Wir wollen für sie und die andern hier Eingeä­scher­ten beten und in Erinnerung an ihre Taufe diese Erde nachträglich mit Weihwas­ser besprengen. Sprich aber mit nie­man­den außer in der katholi­schen Jugend­gruppe darüber!’“

Im darauffolgen­den Jahr notierte er, dass er Worte von Walter Flex, (dem Ge­fallenen der Jugendbewe­gung des I. Welt­krieges) zu sprechen hatte: ‚Toten­klage ist arger Totendienst, Gesell. Macht uns nicht zu Gespenstern. Wir möchten gern zu jeder Stunde in euren Kreis treten dürfen, ohne euer Lachen zu stören. Weint uns nicht nach, dass jeder Freund sich scheuen muss, von uns zu reden.’ Diese Mah­nung soll nicht ungehört verhal­len. Darum feierten wir am näch­sten Morgen keine Toten­messe, wie wir es sonst kennen. Eine richtige Jugendmesse. Im Chor standen wir Jungen und Mädchen im Halbkreis um den Altar, der von großen Kerzen umrahmt war. In der Mitte, gegenüber dem Altar, unser Banner. Die Schola sang die Christ-Königs-Messe und kein Requiem, keine Totenlieder.“[1]

Aus dieser Gruppe gingen 1947 drei Abiturienten zum Theologiestudium und wurden Priester. Claus Herold sah in der Tatsache, dass drei Priester in Halle ihr Leben lassen mussten und drei Jugendliche in der Zeit danach ihre Berufung zum Priestersein entdeckten, einen inneren Zusammenhang. 

Da die Urnen der hingerichteten Priester 1947 umgebettet wurden, verlor der Gertraudenfriedhof die Bedeutung des Gedenkortes. Das Gedenken aber blieb lebendig, denn die drei Priester standen für die Treue zum eigenen Glauben, für die Gewissens- und Religionsfreiheit in einer Diktatur. Für uns Christen war dies in der DDR-Diktatur ein sprechendes Zeichen. Es zeigte uns, dass der Glaube befähigt, in dunklen Zeiten die Orientierung nicht zu verlieren. Deshalb entstanden in Halle neue Gedenkorte: bereits 1966 nach vielen Querelen mit dem Staat die Gedenkstele auf dem Südfriedhof, nach der Wende zum Zeichen für den aufrechten Gang in die Demokratie die Stele auf dem Gelände von Heilig Kreuz und die Gedenkstätte im Roten Ochsen für die unschuldig Verurteilten und Hingerichteten zweier Diktaturen.  

Bereits 1964 mahnte der damalige Hallenser Studentenpfarrer Adolf Brockhoff beim Gedenken an die Hingerichteten[2], dass wir uns den Luxus des Vergessens nicht leisten könnten. Zu diesem Nicht-Vergessen gehören die Gräuel­taten ebenso wie der Mut der Männer und Frauen im Widerstand. Was sie taten, war und ist ein Auf­leuch­ten der Freiheit, denn die Hingerich­teten folgten ihrem Gewissen, sie blieben frei auch in der Unfreiheit der Kerkerhaft.

Das Erinnern an die Auf­rechten während der Nazi-Zeit half, sich nicht dem System der DDR zu beugen. „Als Christ zu leben, die Wahrheit im Alltag zu bezeugen, das (war und) ist keine Zuckerleckerei.“[3] Denn wer sich zu Christus nicht nur mit Worten bekennt, der wird auf Widerstände stoßen. Dass dies im atheistischen DDR-Staat galt, mag den meisten einsichtig sein. Doch ist es auch einsichtig für uns, die wir in westlichen Demokratien leben?

Wahres christliches Martyrium trägt die Züge der erlösenden Liebe Gottes. Von dieser Liebe trennt uns nichts. Von dieser Liebe dürfen wir aber auch niemanden trennen. Unversöhnlichkeit passt nicht in unsere christliche Ge­denkkultur. So weit ich es übersehen kann, hat Carl Lampert niemanden aus der vergebenden Liebe ausgeschlossen. Wie schwer fällt es uns, denen zu vergeben, die zu DDR-Zeiten unsere Gemeinden bespitzelt haben! Wie schwer fällt es manchen, denen zu verzeihen, die in der NS-Zeit nicht den Mut der Martyrer hatten! Und wie schwer fällt es heute manchem über die Gräben zwischen links und rechts, konservativ und progressiv hinweg einan­der die Hände zu reichen!

Aus dem Gefängnis in Torgau schreibt Carl Lampert am 2.11.1944: „Liebe – wie leidest du in dem Hass dieser Zeit, Hass wie quälst du die Liebe der Ewigkeit.“[4]

Die Liebe ist immer ohnmächtig. Doch allein in der Liebe vermögen wir die Welt zu verändern. Carl Lampert hat an der Liebe zum Herrn festgehalten. Darin ist er uns allen ein Vorbild. Er braucht nicht unsere Seligsprechung. Wir aber benötigen sein Zeugnis, um in den Auseinandersetzungen dieser Zeit die Orientierung nicht zu verlieren. Mit ihm wollen wir, die Pfarrei Halle-Nord, auf den schauen, der uns in der Liebe vollenden will: Christus. Deshalb werden wir in Halle das Gedenken an die hingerichteten Priester hoch halten und deshalb hoffen wir, dass Carl Lampert bald zum Pfarrpatron der Pfarrei Halle-Nord erhoben wird. Mit ihm lasst uns die Feier seiner Seligsprechung zum Anlass zu nehmen, einander die Hand zu reichen, um miteinander hier in der Diözese Feldkirch und in Halle Zeugnis zu geben von der Liebe Gottes, von der nichts und niemand uns trennen kann. Amen. 

[1] Dr. Claus Herold, Ungeschützte Frage – traurige Klage am Gedenkstein der drei in Halle hingerichteten katholischen Priester, Halle, 10. November 1984

[2] Kopie der Ansprache liegt dem Autor des Vortrages vor.

 

[3] Adolff Brockhoff, a.a.O. S. 5

 

[4] P. Gaudentius Walser, Dreimal zum Tod verurteilt. Carl Lampert – ein Glaubenszeugnis für Christus, Stein am Rhein 1985, S. 97

 

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