Mahnwache für Moria und Menschlichkeit

Linz – Domplatz – 21.3. 2021

Statement Rudolf Habringer

Liebe Versammelte,

morgen, am 21. März, ist Frühlingsbeginn. Gleichzeitig ist der 21. März auch der internationale Tag des Rassismus, der in Südafrika als Tag der Menschenrechte begangen wird.
Er erinnert uns daran, dass wir Bewohner und Bewohnerinnen dieser Erde alle gleich an Würde und Rechten sind , „ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“ wie es in der Deklaration der Menschenrechte von 1948 heißt.
Schmerzhaft erinnert uns dieser Tag aber auch daran, dass diese Rechte täglich und weltweit mit Füßen getreten und verletzt werden.
Seit Monaten erleben wir, unter welchen unwürdigen Bedingungen Menschen in den Flüchtlingslagern auf Lesbos, in Moria und Kara Tepe, vegetieren müssen. In ihrem Weihnachtsbrief haben sich Flüchtlingsgruppen an Europa gewandt und auf ihre verzweifelte Lage hingewiesen. Ein Satz aus ihrem Brief: „Wir haben die Gesetze zum Schutz der Tiere in Europa studiert und wir haben herausgefunden, dass sogar sie mehr Rechte haben als wir.“
Wir in Österreich leben in einem der wohlhabendsten Länder der Erde.
Nach dem zweiten Weltkrieg haben alleine in unserem Bundesland 120.000 Heimatvertriebene eine neue Heimat gefunden. Mit denen, die später noch zu uns gekommen sind, gibt es heute in beinahe jeder dritten oberösterreichischen Familie jemanden mit einem sogenannten Migrationshintergrund, einer Vertriebenen – oder einer Einwandergeschichte.
Klar ist: OÖ ist heute eine bunte Mischung aus verschiedenen Herkunftsgeschichten. Und das ist gut so. Immer, wenn ich durch unser Land fahre, denke ich: diese schwierigen und oftmals leidvollen Geschichten von Vertreibung, Flucht und Neubeginn müssten doch in den Familien aufbewahrt und als Erinnerungen weitererzählt worden sein! Und diese Erinnerungen müssten doch angesichts der Berichte aus den Lagern Mitgefühl und Verständnis für die Flüchtenden von heute auslösen!
Von der Regierung hören wir seit Monaten: wir nehmen niemanden mehr auf. Nicht einmal unbegleitete Kinder und Jugendliche. Das sei bloß Symbolpolitik.
Unsere Mahnwache heute und die Mahnwachen seit Monaten sind ein Zeichen des Protests, dass wir uns, Bürgerinnen und Bürger aus den verschiedensten Gruppen unser Gesellschaft, mit dieser Politik der Hartherzigkeit nicht abfinden werden und wollen. Wir finden diese Politik ohne Herz beschämend. Wir haben Platz. Wir sind nicht so.
Ob Religionen, Weltschanschauungen oder politische Parteien: alle haben diese Prinzipien der Achtung voreinander, der Fürsorge, der Empathie und der Solidarität für Menschen, die in Not, auf der Flucht sind oder an Armut und Hunger leiden in ihren Programmen und heiligen Schriften festgeschrieben. Wir Menschen sind aufeinander angewiesen. Manche nennen es Solidarität, die Christen nennen es Nächstenliebe. Die Begriffe sind verschieden, meinen aber dasselbe.
Im Buch Levitikus, im dritten Buch des Alten Testaments, steht zum Beispiel folgender ein Satz:
Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst.
Und bei Ezechiel steht: Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.
Vor vielen Jahrzehnten, ich war ein Kind, zehn Jahre alt. Da gründete ich mit Freunden eine Kinderbande, einen Klub, angestiftet von Büchern, die wir lasen. Schließlich suchten wir ein Motto für unsere Gruppe und wir fanden es bei Erich Kästner: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
In diesem einen Satz ist für mich alle Ethik meines Lebens zusammengefasst.
Wir sind heute hier, um unseren Protest zum Ausdruck zu bringen und unsere gewählten Volksvertreter an ihre Pflicht, die Menschenrechte einzuhalten, zu erinnern – und das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht! Dieser Protest und unsere Empörung entbinden uns aber nicht von unseren eigenen Handlungen und Entscheidungen. Es kommt auch auf uns, auf unser Verhalten an.
Der Schriftsteller Heinrich Böll hat in einem berühmten Buch der Nachkriegszeit eine Frage an die geschlagenen Heimkehrer gestellt: „Wo warst du, Adam?“
Diese konnten damals nur antworten: „Ich war im Krieg.“
Vielleicht wird auch jeder und jede von uns einmal gefragt werden:
Theresa, Richard, Jordanka, Joshua, Aysha, Mirko: Wo warst du, als die Flüchtlinge um Aufnahme baten?
Was werden wir antworten: Auf Urlaub? In der Sauna? Auf dem Golfplatz? Auf der Party? Im Lockdown?
Ich wünsche uns, dass die Antwort einmal lauten wird:
Ich habe nicht weggeschaut. Ich habe meinen Beitrag dafür geleistet, dass unsere Welt bewohnbarer, humaner, solidarischer und weniger egoistisch geworden ist. Auch wenn er nur ein kleiner war. In meinem Lebensumfeld. Ich habe nicht geschwiegen, als sich die Herzen verhärteten.
Es liegt an uns zu zeigen: Nein, so sind wir nicht.
Jetzt im Moment liegt es an der Regierung, zu zeigen: So sind wir nicht.

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