„Ebnet die Straßen“

Wenn wir statt in Österreich in Syrien auf die Welt gekommen wären, dann würden wir mit großer Wahrscheinlichkeit heute auch zur großen Schar der Flüchtlinge gehören. Die Älteren unter uns würden sich die Strapazen der Flucht nicht mehr antun. Sie würden eher zu Hause bleiben – auch wenn sie rechnen müssten im Kugelhagel zu sterben.

Wenn wir in den Slums der Großstädte in Lateinamerika geboren worden wären oder in den Hungergebieten Afrikas wie Burkina Faso, wo durch die zunehmende Trockenheit nichts mehr wächst und auch das Wasser verseucht ist –dann wären wir schon als Kinder an Hunger gestorben oder wir hätten dort nur eine Lebenserwartung von 35 Jahren, weil wir unterernährt und keine anständige Gesundheitsversorgung haben.

In der Charter der Vereinten Nationen heißt zwar, dass jeder Mensch gleich ist an Rechten und würde – in der Realität stimmt das aber nicht. Wir als Österreicher sind zweifellos Privilegierte auf dieser Welt.

Der Adventbrief der Propheten im heutigen Evangelium heißt: „Ebnet die Straßen“ – macht die Gesellschaft so, dass alle Menschen unserer Erde auf einer ebenen Straße gehen können und nicht dass die einen steinig bergauf gehen müssen und die anderen laufen bergab. Ist Gott da mitschuldig, dass die Straßen dieser Welt uneben sind – dass die einen ihr Leben auf dieser Welt in Luxus leben können und die anderen können nur dahinvegetieren? Es ist schon auch legitim, diese Frage an Gott zu richten. Der Grazer Armenpfarrer Pucher sagte in einer Radioansprache: „Wenn ich gestorben bin und Gott begegne, dann werde ich ihm auf jeden Fall die Frage stellen: Warum kommen Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und mit unterschiedlicher Intelligenz zur Welt? Die mit wenigen Fähigkeiten ausgestattet sind oder sogar behindert sind, haben es ungeheuer schwer auf dieser Welt“.

Auf diese Frage haben wir hier auf dieser Welt keine befriedigende Antwort. Wir haben aber auf dieser Welt viel Spielraum und viele Möglichkeiten, dass wir die Straßen für alle Menschen eben machen können – das heißt, dass wir allen Menschen zu einem menschenwürdigen Leben verhelfen können – das heißt, dass die Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigt werden – dass sie wegen Krieg oder wegen Hunger nicht mehr von ihrer Heimat fliehen müssen. Wenn Gott zum Beginn der Schöpfung zu den Menschen gesagt hat: „Macht euch die Erde untertan“ – dann meinte er damit nicht: beutet die Erde aus und zerstört die Ressourcen der Erde, sondern: „Macht die Erde bewohnbar für alle Menschen – auch bewohnbar für die künftigen Generationen“.

Die Straßen eben zu machen, das bedeutet für uns ein Umdenken. Es heißt auf jeden Fall einmal, dass wir dagegen ankämpfen müssen, dass in unserer Gesellschaft die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Die 86 reichsten Menschen dieser Erde besitzen genauso viel wie die untere Hälfte der Menschheit – wie dreieinhalb Milliarden Menschen. Der Facebook Gründer Zuckerberg, der über 40 Milliarden Euro an Privatvermögen hat, hat diese Woche bekannt gegeben, dass er 99 % seines Vermögens für Sozialprojekte spenden möchte.

Er ist mit dem einen Prozent, das ihm bleibt, noch immer reich.  Diese Entscheidung von Zuckerberg ist zu bewundern, aber wenn wir nach Gerechtigkeit streben, dann bräuchten wir Gesetze und Strukturen, die es verhindern, dass der Herr Zuckerberg überhaupt so reich wird. Die Straßen ebnen heißt nicht nur den Flüchtlingen helfen und Caritas üben, sondern es heißt mithelfen, eine gerechte Gesellschaft zu bauen. Gerechtigkeit ist mehr als Nächstenliebe, Gerechtigkeit hängt sehr viel mit den Strukturen zusammen.

Unsere Wirtschaftsstrukturen sind deshalb ungerecht, weil es bei diesen Strukturen nicht um den Menschen geht, sondern nur um die Vermarktung des Profits.

Die Menschlichkeit muss in diesen Strukturen immer erkämpft werden – sei es durch staatliche Sozialgesetze, oder in der Arbeitswelt bemüht sich die Gewerkschaft um halbwegs gerechte Löhne zu erkämpfen und die Arbeiterinnen und Arbeiter vor Ausbeutung zu bewahren.

In der Kirche haben wir immer einen starken Zensus für Nächstenliebe und Caritas gehabt, aber wenn wir ehrlich sind müssen wir zugeben, dass wir sehr schwach waren im Einsatz für mehr Gerechtigkeit. Papst Franziskus geht hier eine andere Linie. Ihm geht es nicht nur um caritatives Helfen – er fordert sehr stark die Gerechtigkeit ein und deshalb sagt er: „Diese Wirtschaft tötet und in dieser Wirtschaft werden Menschen wie Müll entsorgt.“

Marion Gräfin Donhöff, die frühere Herausgeberin der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ hat in ihrem Vermächtnis vor ihrem Sterben folgendes geschrieben: „Die Marktwirtschaft beansprucht den Menschen ganz und duldet keine Götter neben sich. Sie ist sehr besitzergreifend. Ihr Wesen ist der Wettstreit und ihr Motor ist der Egoismus. Ich muss besser sein, ich muss mehr produzieren, mehr verdienen als die anderen, sonst kann ich nicht überleben“. Soweit Gräfin Donhöff.

Ich gebe jetzt im Advent ein Plakat in den Schaukasten beim Bahnhof, wo ich draufschreibe:

„Gerechtigkeit ist in Strukturen gegossene Liebe – Kapitalismus ist in Strukturen gegossener Egoismus.“

Wir werden dieses neoliberale Wirtschaftssystem, das sich heute auf der ganzen Welt ausbreitet, sicher nicht so schnell stürzen können – aber wenn wir nicht an den Grundfesten dieses Systems kratzen und nicht bereit sind, dem Rad dieses Systems in die Speichen zu greifen, dann können wir die Gerechtigkeit auf dieser Welt vergessen – dann können wir die Straßen dieser Welt nicht ebnen, dann werden wir weder fähig sein, eine Klimapolitik zu machen, die auch den kommenden Generationen ein menschenwürdiges Leben auf dieser Welt ermöglicht, noch werden wir die Flüchtlingsströme auf der Welt eindämmen und das Hungerproblem lösen.

Die Straßen ebnen heißt für uns, dass wir mit unseren Möglichkeiten mithelfen eine gerechte Welt zu bauen.

Kaplan Franz Sieder – Predigt vom 6. Dezember 2015 – Spital Amstetten

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