Europa braucht eine Seele

Friedensgebet mit Kaplan Franz Sieder am 13.7.2017 bei der Sommerakademie „Welt im Umbruch – Perspektiven für eine europäische Friedenspolitik“ auf der Friedensburg Schlaining.

„Europa hat momentan keine Seele, vielleicht ist darin auch die Krise in Europa begründet. Ich hoffe, dass wir sagen können, dass Europa wenigstens eine Seele sucht“, sagte Kaplan Franz Sieder.

Bezugnehmend auf das Hohe Lied der Liebe im ersten Korinther-Brief bei Paulus betonte Kaplan Sieder: „Das ,Hättest du aber die Liebe nicht‘ heißt übersetzt: Geht es dir in deiner innersten Absicht, in deiner Intention nicht wirklich um den Menschen, dann hat das mit Liebe nichts zu tun.“ Für die Europäische Union stelle sich daher nach Kaplan Franz Sieder die Frage, ob es darum gehe „Europa noch potenter zu machen“ oder ob Wirtschaftsstrukturen geschaffen werden, „wo die Kluft zwischen Arm und Reich nicht mehr auseinandergeht, wo so umverteilt wird, dass alle Menschen auf unserer Erde gut und menschenwürdig leben können.“

„Die Seele Europas ist die Intention der Liebe, in der Europa denkt und handelt. Wenn die Intention des europäischen Projekts nicht der Mensch ist und zwar alle Menschen unserer Erde, dann hat Europa noch keine Seele“, stellte Kaplan Franz Sieder fest und zitierte Papst Franziskus aus seiner Rede im Europaparlament: „Die Würde des Menschen zu fördern, bedeutet anzuerkennen, dass der Mensch unveräußerliche Rechte hat, deren er nicht nach Belieben und schon gar nicht zugunsten wirtschaftlicher Interessen beraubt werden darf.“

Die Predigt im Wortlaut:

Das Zitat, dass Europa dringend eine Seele braucht, stammt von Jacques Delors. Ich möchte auf dem Hintergrund des Evangeliums sagen, was diese Seele ist. Die Seele wird immer auch in Verbindung mit dem Körper gesehen. Sie steuert in einem gewissen Sinn unseren Körper. Kurt Tucholsky hat über unsere Zeit einmal gesagt: „Das ist eine seelenlose Zeit, aber es ist wahrscheinlich doch eine Zeit, die eine Seele sucht.“
Europa hat momentan keine Seele, vielleicht ist darin auch die Krise in Europa begründet. Ich hoffe, dass wir sagen können, dass Europa wenigstens eine Seele sucht.
Ich möchte auch sagen, was ich unter Seele Europas verstehe. Im sogenannten Hohelied der Liebe gibt es einen Satz, den ich als Schlüsselsatz für das ganze Evangelium verstehen möchte. Es ist der Satz: „Wenn du alles, was du besitzt, den Armen austeilen würdest, hättest aber die Liebe nicht, dann wäre alles umsonst.“ Es ist ein eigenartiger Satz, den die meisten denken: Wenn ich für die Armen etwas hergebe, dann ist es doch die Liebe. Paulus sagt:Nein, das stimmt nicht. Wenn ich eine soziale Tat setze und etwas für die Armen tue, das muss nicht die Liebe sein. Das „Hättest du aber die Liebe nicht“ heißt übersetzt: Geht es dir in deiner innersten Absicht, in deiner Intention nicht wirklich um den Menschen, dann hat das mit Liebe nichts zu tun. Ein Unternehmer / eine Unternehmerin kann hunderten Menschen Arbeit geben und er hat dadurch das Gefühl, dass er damit in einer Zeit, wo es sehr viele Arbeitslose gibt, eine große sozial Tat setzt. Paulus würde dem Unternehmer / der Unternehmerin sagen: Wenn es dir in deiner Intention, in deiner innersten Absicht nicht vorrangig um den Arbeiter / die Arbeiterin geht, sondern nur um den Profit, dann hat das mit Liebe nichts zu tun, dann ist alles umsonst.

Auf Europa bezogen möchte ich folgendes sagen: Europa tut viel für die armen Länder Europas, die sozial schwachen Regionen bekommen Geld – die Bauern und Bäuerinnen werden in ihrer Landwirtschaft durch europäische Subventionen unterstützt, die Studentinnen und Studenten werden durch das Erasmus-Programm unterstützt. Paulus würde den Verantwortlichen der EU sagen:Wenn aber die Grundintention der europäischen Wirtschaft letztlich das Profitstreben ist und wenn es dem ganzen Wirtschaftskörper der EU vorrangig darum geht, Europa wirtschaftlich noch potenter zu machen, um konkurrieren zu können mit den USA, mit China und Japan, dann hat jegliches soziale Tun der EU nichts mit Liebe zu tun, dann ist alles umsonst.

Auch wenn die Verantwortung für die Länder der Dritten Welt und die Verantwortung für ein gutes Leben der kommenden Generationen in der Intention der europäischen Wirtschaft und Politik völlig ausgeklammert wird, dann ist auch keine wirkliche Liebe vorhanden. Nicht nur Europa, sondern auch die Wirtschaft der Nationalstaaten muss demaskiert werden, ob es in der Grundintention um den Menschen geht oder um die Profitmaximierung. Es ist zu wenig, nur den Armen Almosen zu geben, und sie sozial zu unterstützen. Das wäre nur Barmherzigkeit. Liebe im Sinne von Jesus verlangt Gerechtigkeit. Gerechtigkeit hängt aber fast immer mit Strukturen zusammen. Es müssen Wirtschaftsstrukturen geschaffen werden, wo die Kluft zwischen Arm und Reich nicht mehr auseinandergeht – wo die Reichen nicht mehr so reich sein können – wo so umverteilt wird, dass alle Menschen auf unserer Erde gut und menschenwürdig leben können. Die Seele Europas ist die Intention der Liebe, in der Europa denkt und handelt. Wenn die Intention des europäischen Projekts nicht der Mensch ist und zwar alle Menschen unserer Erde, dann hat Europa noch keine Seele.

Ich möchte schließen mit einigen Sätzen, die Papst Franziskus in seiner Rede vor dem Europaparlament in Straßburg gesagt hat:
Die Würde des Menschen zu fördern, bedeutet anzuerkennen, dass der Mensch unveräußerliche Rechte hat, deren er nicht nach Belieben und schon gar nicht zugunsten wirtschaftlicher Interessen beraubt werden darf. Wenn das Leben nicht mehr zweckdienlich ist, wenn die Leistung nachlässt, dann werden Menschen ohne Bedenken ausgesondert. Es sind dies Kranke, Alte, Behinderte. Vielfach wird das Leben mit Behinderung schon vor der Geburt abgetrieben. Die Wegwerfkultur hat auch die Menschen in Europa erfasst. Menschen werden wie Müll entsorgt.

Auch die Demokratie in Europa ist in Gefahr. Vereinheitlichte Finanzsysteme, die so viele Länder in die Knie zwingen, sind demokratiezerstörend.

Wir können auch nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird. Es ist wichtig, auf die Ursachen der Flucht hinzuwirken und nicht nur die Folgen der Flucht zu bekämpfen.

Info: Kaplan Franz Sieder war Betriebsseelsorger in Amstetten. Er war lange Zeitu. a. Geistlicher Assistent von Pax Christi Österreich, Vorsitzender der ökumenischen Aktionsgemeinschaft Christinnen und Christen für die Friedensbewegung und Geistlicher Assistent der Katholischen ArbeitnehmerInnenbewegung (KAB) der Diözese St. Pölten.

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